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er ſeinen Lebenszweck erreicht. Dieſer liegt für ihn im Handeln, und zwar in ſolchem Han⸗ deln, wozu ihn der natuͤrliche Drang, d. h. die Vernunft, treibt. Mit dem bloßen Eindringen in die Natur, d. h. in die allgemeine ſowohl, als in den Theil der allgemeiuen, in die eigene, wird der Menſch noch kein Philoſoph; er muß auch dieſer ſo gewonnenen Erkenntniß gemäß handeln. Die⸗ ſer Gedanke liegt am klarſten ausgeſprochen in Cap. XLIX, wo Cpiktet den theoretiſchen Philo⸗ ſophen mit dem praktiſchen in Vergleich ſtellt und mit dem Satze ſchließt, daß jener noch kein Philoſoph ſei. Er gibt uns nämlich hier das Bild eines, der ſich Philoſoph zu ſein dünke, in ſofern er die gelehrten Werke des Chryſippus, eines berühmten Stoikers, verſtehe und erläutere, inſofern er alſo die Geſammtlehre des Stoicismus erfaßt habe, erweiſt aber zugleich, wie wenig ſich dieſer eigentlich dem Philoſophen nähere, wie er doch nur Grammatiker und Kritiker ſei, wel⸗ cher ſich mit Chryſipps Werken beſchäftige, während ein Anderer vielleicht dem Homer ſeine Thä⸗ tigkeit zuwende. Vom Boden des Grammatikers entferne er ſich, und den des Philoſophen betrete er nur damit, daß er ſich als Vertreter der Grundſätze, die er begriffen und anerkannt habe, darſtelle.
Wie der Menſch nun dieſen Zweck erreiche, wie er ſich vom bloßen Denker zum handelnden Philoſophen erhebe, davon ſpricht Epiktet in Capitel L. Er findet nämlich das Mittel hierzu darin, daß der Philoſoph ſeine Lehre als ſtrenges ihn bindendes heiliges Geſetz achten und danach handeln muͤſſe, unbeachtet der Stellung, welche er im Leben dadurch einnehme. die Worte: ö ποQσειιαι, 10τςα, e 2010 α, 21 60G&σέινιπων
Man vergleiche dν παάασνσ T0100, dr⁵αμενεεκε Ʒυ, 1ι ϑ οm νςα πιςοε αον, 1 Srιοτοεεις⁵οα. Was er als Wahrheit erkannt(ein Satz, der zu ſeiner Vorausſetzung natürlich den oben erwähnten Gedanken der Hinwendung zur Natur hat, woraus die Wahrheit zu ſchöpfen iſt), das ſoll ihm heilige Norm ſein, mag es, ſo iſt die Anſicht Epiktets, Freude oder Schmerz, Achtung oder Verachtung, erzeugen.— Daß aber der Menſch die Wahrheit erkenne, dazu hat er 10„ dεαοονα 16„*, d. h. die Vernunft, den ſichtenden Verſtand, der wohl zu unterſcheiden weiß, was der Natur gemäß, und was ihr entgegen iſt. Nimmt er dieſen 10„ zum Maßſtabe für ſeine Handlungen, dann iſt er auf dem Wege der Veredlung und Vervollkommnung begriffen, dann nähert er ſich dem Philoſophen; hat dieſer 20„ G ſeine Kraft in ihm verloren, ſo ſinkt er zurück auf die Stufe des Laien. In dieſer Beziehung ſtellt er denn den Sokrates als Muſter zur Nachahmung hin, indem dieſer ſtets ſeinem 0„os gehorcht habe. Man vergl. die Worte: Mκς⁴ατις οις dπαιτεεᷣςνσιφν, et drrν 7100 ν 8H υσι⁶σν 176erε α*ννeτοοοεάνmνQ 12⁶eν. Und demgemäß verlangt er von ſeinem Schuͤler, wenn auch nicht Erreichung, doch Anſtrebung dieſes Ideals, indem er alſo ſchließt:„o* ε,& 2—ομmνα 81 Xcοε, G Tcνοαἀν ye&lu 90 ˖»09, Oqelleis 6¹⁰* In engem Zuſammenhange hiermit ſteht nun die weitere Vorſchrift, daß dieſer Zweck dem ganzen Menſchen von dem Augen⸗ blicke an, wo er in die Lehre eingedrungen ſei, vor Augen ſtehen müſſe, daß er mithin, ſobald er aus derſelben Grundſätze für ſein Handeln ſchöpfen könne, dieſe zur Wahrheit müſſe werden laſſen, d. h. daß er ſeine Veredlung nicht etwa in bloßen Grundſätzen erreicht glaube, ſondern ſich alsbald als praktiſchen d. h. handelnden Philoſophen bethätige. Denn eine Verzögerung, fährt Eviktet


