Aufsatz 
Die Lehre Epiktet's nach seinem Manual entwickelt / von Friedrich Spangenberg
Entstehung
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8. über die richtige Schlußfolge einräumt, während jene doch noch die Kategorienlehre in das Gebiet derſelben zog. Und wie unwichtig er vollends dieſelbe hält, ergibt ſich aus den letzten Worten dieſes Capitels, in welchen er klagt, daß man dieſen dritten Theil der Philoſophie ſo ſorgſam pflege und darüber den erſten vernachläſſige, daß man beſtändig die Beweisführung, warum das Lügen etwas Verdammenswerthes ſei, zur Schau trüge, und dabei doch ſtets die Unwahrheit rede⸗ Es wird naturgemäß ſcheinen, daß alſo Cpiktet in ſeiner Schrift der eigentlichen Logik keine wei⸗ tere Behandlung widmet, oder auch nur einzelne Fragen daraus erörtert; er hat ihr hiermit das Urtheil geſprochen und übergeht ſie außerdem ganz und gar.

Was nun das Verhältniß von Phyſik und Ethik zu einander betrifft, ſo tritt erſtere gegen letztere ganz zurück. Epiktets Worte ſind: 6 d⁸½ deτeοος(se. 10ν0) dεα τντπτιαον, alſo der zweite Theil iſt um des erſteren willen da, d. h. man muß die Phyſik begreifen, um ſie in der Ethik zur Anwendung zu bringen, oder man muß die Gründe für die Handlungen erkennen, um zu handeln. Es iſt hierin der reine Fortgang des Stoicismus unverkennbar. Während die ältern Stoiker in der Phyſik die Spitze aller Philoſophie erblickten und die Ethik noch gegen ſie zurückſtellten, ſo erringt ſich die Ethik mit der Zeit einen ebenbürtigen Platz neben der Phyſik, bis ſie mit Poſidonius ſogar den Vorrang vor der Phyſik erhält. Bei Cpiktet iſt ſie nun zur voll⸗ kommenſten Anerkennung gelangt. Ueber das Verhältniß dieſer beiden Theile läßt ſich unſer Phi⸗ loſoph noch an einer andern Stelle aus, nämlich in Capitel XLIX, die alſo lautet: 2 ſdε 2 S00 10G;, ꝛ¶αμααιααάεένννν łυνυꝙσ⁵σιυν, rcτmν μαιιεαα Hier wird alſo die Phyſik als Weg zur Ethik bezeichnet, denn der Sinn der Worte iſt kein anderer als:erforſche die Natur und handle ihr gemäß, und das heißt: verforſche die Natur, um ihr gemäß zu handeln. Gpiktet räumt alſo hiermit der Phyſik allerdings eine große Bedeutſamkeit ein und bezeichnet ſie gewiſſer⸗ maßen als Ausgangspunkt aller Philoſophie; indeſſen das beſondere Gewicht liegt doch auf dem rœur reo: der Menſch ſoll doch nur in die Natur eindringen, um aus ihr die Beſtimmungs⸗ gründe für ſein Handeln zu entnehmen. Unter Natur(νονεε) iſt hier ſowohl die allgemeine Natur, als auch die beſondere ſpeciell menſchliche, in ſofern ja dieſe in der erſteren mitenthalten iſt, zu verſtehen. Wie ſich aber dieſe beſondere Natur lediglich als Vernunft manifeſtirt, werden wir unten ſehen.

So wenig nun die Logik eine beſondere Erörterung in unſerer Schrift erfahren hat, ſo wenig hat Epiktet auch die Phyſik von der Ethik getrennt, um ſie einer beſonderen Behandlung zu wür⸗ digen. Die wenigen Bemerkungen, die ihr gelten, ſind zerſtreut und angeknüpft immer an eine Frage der Ethik. Beide Zweige der Philoſophie ſind ſomit im Zuſammenhange behandelt, und füglich kann man behaupten, daß Epiktet das Gebiet der Phyſik nur dann betritt, wenn er ſich daraus eine Beſtimmung für die Ethik holen will, ſo daß ſich alſo durchweg die Phyſik als Die⸗ nerin der Ethik darſtellt.

Ddite weſentlichen Fragen, die in unſerem Manual behandelt werden, gehören der reinen Ethik an; es iſt faſt die reine ſtoiſche Moral, die uns hier praktiſch in Erörterung einer Reihe von Lebensfragen vorgeführt wird. Zwar hat Cpiktet auch über einzelne Gegenſtände, die nach der Eintheilung des alten Stoicismus in das Gebiet der Phyſik gehören, ausführlicher geſprochen,