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urtheilen, und bei dem ſittlichen Gehalt, welchen die ganze Lehre hat, wenn ſie auch nicht ganz frei von Verirrungen iſt, ſehen wir gern hinweg über den Mangel an Viſſeſchaftlichkeit, woran ſie leidet. Epiktet iſt mit ſeiner Lehre eins; er ſteht im Leben als Vertreter jeder einzelnen Vorſchrift da, er lehrt ſo, wie er handelt, und handelt ſo, wie er lehrt. In ſeinem Handbuche zumal ſehen wir ihn, den lebendigen Philoſophen, den von allen Lebensſorgen Gedrückten, den Lahmen, den in Sclaverei Lebenden, der aber alle dieſe Leiden ſo erträgt, wie es ihm ſeine philoſophiſche Ueberzeugung zur Pflicht macht. Und dies dünkt mir der vorzüglichſte Werth dieſer Schrift. Wir müſſen achten die faſt reine, vielfach ans Chriſtenthum angränzende Moral, die er predigt; wir müſſen anerkennen die Einfachheit, in der dieſe Lehre aufgeht, wir müſſen bewundern die Macht der Ueberzeugung, womit er ſpricht und ſeine Grundſätze eindringlich zu machen ſucht.
Eben damit aber, weil in jenen Schriften die wiſſenſchaftliche Form bei Seite gelegt iſt, ſtellt ſich ſpätern Forſchern und Freunden der ſtoiſchen Lehre die Aufgabe, dieſe abgeriſſenen und vereinzelten Ideen zu einem Ganzen zu verarbeiten. Wir wollen es verſuchen, in vorliegender Abhandlung die Lehre, wie ſie im Manual des Cpiktet erſcheint(und das iſt das Mark der Epiktetſchen), im Zuſammenhange darzuſtellen, wir wollen ſehen, ob ſich nicht beſtimmte Geſichts⸗ punkte feſtſtellen laſſen, unter denen dieſe im Weſentlichen ſtoiſchen Grundſätze zuſammengefaßt werden können, kurz wir wollen erforſchen, ob nicht bei aller Ordnungsloſigkeit ſich doch eine Einheit findet, d. h. ob ſich nicht eine Grundidee durch das ganze Schriftchen hinzieht.
Noch bemerken wir, daß wir von den meiſt im vorigen Jahrhunderte erſchienenen Diſſertationen, die ſich mit dieſem Gegenſtande beſchäftigen, keine zu Geſicht bekommen konnten, und daß wir in Betreff der Hülfsmittel lediglich auf die Geſchichte der Philoſophie von Ritter,*) der indeſſen dieſe Lehre keiner ausführlichern Behandlung würdigt, und auf den Commentar des Simplicius zum Manual hingewieſen waren. Und ſelbſt an dieſe Schriften wird man wenig Anklänge in vorlie⸗ gender Abhandlung finden. Wir hatten die Abſicht, die Lehre des Manuals rein aus ſich heraus zu conſtruiren, ohne viel Berückſichtigung deſſen, was Neuere hineingetragen haben.
*) Ritter iſt der Anſicht, die Lehre Epiktets könne ſich keiner weitläufigen Behandlung unterziehen, ohne in viel⸗ fältigen Wiederholungen ſich abzuſchwächen.
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