Aufsatz 
Die Lehre Epiktet's nach seinem Manual entwickelt / von Friedrich Spangenberg
Entstehung
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gewählte Lehrſätze aus der Epiktetſchen Philoſophie, die eben deshalb in keiner ſtreng Verbindung ſtehen und kein Ganzes ausmachen können, der Nachwelt überliefert. Er geſteht das ſelbſt in dem Briefe an Masgalenus, welchem er das Manual widmete, ein. Indeſſen, wenn wir hören, daß Arrianus den Vorträgen ſeines Lehrers mit allem Fleiße gefolgt iſt, und ſie möglichſt treu wiederzugeben bemüht war, ſo dürfen wir uns überzeugt halten, daß zwiſchen Epiktets Vorträgen und den uns erhaltenen Schriften Arrians keine große Kluft liegt. Und ſelbſt in dem Manual, welches Arrianus nach den Vorträgen Cpiktets zuſammenſetzte, indem er das Wichtigſte daraus hervorhob, duͤrfen wir wohl den ächten Geiſt und die eigentliche Weiſe des genannten Philoſophen erblicken. Dieſer Mangel an Wiſſenſchaftlichkeit iſt alſo nicht ſowohl dem Arrianus zuzuſchreiben, als dem Meiſter ſelbſt. Und er ſtimmt auch mit deſſen Lebensrichtung wohl uͤberein, denn ſo weit wir dieſe kennen, dürfen wir mit voller Sicherheit annehmen, daß er in ſeinen Vorſchriften nicht die wiſſenſchaftliche Aufſtellung einer Lehre bezweckte, ſondern daß er ſich auf das Ertheilen von einzelnen Vorſchriften, beſonders aus dem Gebiete der Ethik, be⸗ ſchränkte. So bietet unſer Manual eine Reihe von Vorſchriften, welche als aus einzelnen zu⸗ gleich entwickelten Lebensverhältniſſen als nothwendig hervorgehend hingeſtellt werden. Rein praktiſch zu Werke gehend greift der Philoſoph bald dieſes, bald jenes Verhältniß aus dem Leben und knuͤpft eine zunächſt aus dem Weſen deſſelben erwachſende, und von denjenigen, welche ſich naturgemäß in demſelben bewegen wollen, nothwendig zu beachtende Regel an. Dabei verfährt er ohne alle Ordnung, ſpringt willkürlich von dieſer Lebensſeite zu jener, und miſcht oft die ver⸗ ſchiedenartigſten Dinge untereinander, ſo daß unſer Manual an manchen Stellen ein wahrhaft buntes Gemiſch von Vorſchriften enthält, die durchaus in keiner innern Beziehung zu einander ſtehen. Es ſcheint ſomit die Lehre des Epiktet auf wiſſenſchaftlichen Werth wenig Anſpruch machen zu dürfen, und das iſt wahr, ſie hat dieſe ſchwache Seite. Ein Studium nun, welches ſich auf eine ſolche Lehre wirft, das könnte man allerdings als zwecklos bezeichnen und als ſich bewegend auf einem Felde, worauf für die Wiſſenſchaft wenig geärntet würde.

Allein wegen dieſes Mangels iſt Cpiktet nicht zu verurtheilen, oder ſeine Lehre vom Gebiete wiſſenſchaftlicher Forſchung auszuſchließen. Seine Schriften, und insbeſondere ſein Manual, ſind wurdig tieferer Betrachtung. Allein ſie werden und können nur dann richtig verſtanden und ge⸗ würdigt werden, wenn man ſie im Verhäͤltniſſe zu ihm ſelbſt betrachtet. Sein ganzes Daſein, ſein Charakter und ſeine Lebensweiſe ſind der Maßſtab für die Kritik, mit der wir an ſeine Lehre gehen müſſen. Für dieſen Philoſophen nämlich tritt die wiſſenſchaftliche Forſchung gegen das menſchliche Handeln zurück; er will, wie ſchon bemerkt, kein ſtreng wiſſenſchaftliches Lehrgebäude für ſeine Schüler und Anhänger aufbauen, er will ſie nur lehren ſo zu handeln, wie es ſeine philoſo⸗ phiſche Ueberzeugung gebietet. Und dazu bedarf er nicht der wiſſenſchaftlichen Form, unter der vielleicht der rein praktiſche Werth ſeiner Lehre leiden wurde. Er erkennt die wahre Philoſophie nur im Handeln, und, was wir im Manual leſen, er verachtet den, der mit philoſophiſchen Kenntniſſen und Lehren im Leben prahlend auftreten will und keine mit denſelben harmonirenden Handlungen aufzuweiſen hat. Nur von dieſem Standpuncte aus ſind die erwähnten Werke zu be⸗