Eine Schrift, die in den vergangenen Jahrhunderten mit großer Liebe von den Forſchern und Freunden altphiloſophiſcher Syſteme behandelt wurde, die Hieronymus Wolf in ſeiner Jugend nicht kennen gelernt zu haben nach eigenem Geſtändniſſe kaum verſchmerzte, und die er daher im Greiſenalter las und bewunderte, weil er Wahrheiten darin ausgeſprochen fand, die das Chriſtenthum aufgeſtellt hat, ſcheint ſeit einem halben Jahrhundert dem Geſichtskreiſe der philo⸗ logiſchen Welt entrückt. Es iſt das Manual des Epiktet, worin Mark und Stamm der Lehre dieſes Philoſophen ſich findet, ein Buch, welches Arrianus, der Schüler und Bewunderer dieſes Stoikers, aus den Vorträgen ſeines Lehrers zuſammengeſtellt hat. Einzelne Wahrheiten, die ich beim Durchblättern dieſer Schrift gefunden, haben mich zum tiefern Eindringen in den Inhalt derſelben angeregt und den Gedanken in mir zur Reife gebracht, die Lehre, welche darin nieder⸗ gelegt iſt, in ihrem Zuſammenhange zu bearbeiten. Mag man dieſen Verſuch beurtheilen, wie man will, ich hoffe wenigſtens durch denſelben zur Wiederaufnahme einer Schrift, die des Er⸗ hebenden viel in ſich trägt, Anlaß gegeben zu haben. Wer das erwähnte Werkchen nur oberfläch⸗ lich anſieht, der mag meine Wahl tadeln, und meine Arbeit zwecklos und unfruchtbar nennen. Denn der Vorwurf, welcher der ſtoiſchen Schule ſchon von einem ihrer ältern Vertreter, Ariſton, gemacht wird, daß ſie ſich allzuviel mit einzelnen Vorſchriften und Ermahnungen in Betreff der Ethik abgäbe, mit Vorſchriften, die aus einzelnen Lebensverhältniſſen abgeleitet wären, ohne daß dieſe vielleicht ſelbſt einen ſittlichen Gehalt in ſich trügen, mit Ermahnungen, die mehr den Ammen und Pädagogen ziemten, als den Philoſophen— dieſer Vorwurf kann wenigſtens theilweiſe auch das Manual des Epiktet treffen. Was nämlich der Mangel jener Vorſchriften iſt, daß ſie nicht mit philoſophiſchem Geiſte verarbeitet, daß ſie nicht unter einer leitenden Idee zuſammengefaßt ſind, daß ihnen mit einem Worte die Wiſſenſchaftlichkeit abgeht, das wird man beim erſten Durchleſen der erwähnten Schrift auch an derſelben tadeln müſſen; denn man wird nichts als eine ſcheinbar loſe Aneinanderreihung von einzelnen, meiſt ethiſchen Vorſchriften antreffen. Zwar iſt Epiktet der Verfaſſer der in Frage ſtehenden Schrift und überhaupt der Schriften, aus welchen wir ſeine Lehre ſchöpfen, nicht, vielmehr hat ſein ſchon oben genannter Schuͤler, Arrianus, in denſelben nur aus⸗ 1
Aufsatz
Die Lehre Epiktet's nach seinem Manual entwickelt / von Friedrich Spangenberg
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