Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
Einzelbild herunterladen

weit Berückſichtigung, als er das rein äußerliche Heranbringen des Themas an den Schüler verwirft. Es iſt ja ſchwer, dies ganz zu vermeiden, denkt man ſich aber daſſelbe als Regel, ſo iſt klar, daß dann der Aufſatz nie einen anregenden Einfluß auf die Fähigkeit, eigene Gedanken zu producieren, ausüben würde und daß damit eine andere ſehr werthvolle Seite des Stylunter⸗ richts unangebaut bleiben müßte. Wenn es gelingt, der individuellen Neigung durch entſprechende Themata entgegenzukommen, ſo wird das Abfaſſen des Aufſatzes alle geiſtigen Kräfte, je nach Bedürfniß, anregen; das iſt aber eben der Weg, auf welchem vom Stylunterrichte aus das Pro⸗ ductionsvermögen am eheſten gefördert werden kann.

Auch hier bietet ſich die Möglichkeit dar, den natürlichen Weg zu verlaſſen und durch eine erkünſtelte Situation einen Reiz auszuüben, der ohne dieſes künſtliche Mittel nicht vorhanden ſein kann. Ich will auch hier durch Beiſpiele veranſchaulichen. Es wird in vielen Schulanſtalten ein großer Werth auf die Uebung im Abfaſſen von Briefen gelegt. Nun gilt es, bei jedem Briefe einen reinen, unmittelbaren Ausdruck deſſen zu geben, was innerlich zum Schreiben drängt. Kann nun natürlicherweiſe ein ſolcher innerer Drang nicht überall vorausgeſetzt werden, ſo ließe ſich wohl auf künſtliche Weiſe ein entſprechendes Gefühl hervorrufen und ſo ein Drang erzeugen, als deſſen Aeußerung ſich der Brief ergeben würde. So könnte der um den Tod ſeiner Schweſter trauernde(fingierte) Freund getröſtet, könnte dem von ſchwerer Krankheit geneſenen Bruder Glück gewünſcht, könnte die edle That der Errettung eines Kindes aus einem brennenden Hauſe ver⸗ herrlicht werden. Es fehlt in heute viel gebrauchten Aufgabenſammlungen nicht an Beiſpielen der Art. Es iſt auch kein Zweifel, daß die Schüler jeder Anſtalt, alſo auch der unſrigen, dahin zu bringen wären, über derartige Themata Aufſätze, reich anErgüſſen, zu liefern. Worin ſoll denn aber der Nutzen ſolcher Arbeiten beſtehen? Sollen ſie etwa Vorübungen ſein, damit ſpäter die Empfindungen vorkommenden Falls in den paſſendſten Worten zum Ausdruck gelangen? Oder ſoll gar das Gefühlsvermögen durch derartige Uebungen verfeinert und veredelt werden? Aller⸗ dings, wer in Gratulations⸗ und Condolenzſchreiben Uebung hat, der wird ſpäter ſeine Freude und Theilnahme nach Reminiscenzen und darum in wohlgewählten Worten auszudrücken im Stande ſein. Ob er dabei etwas empfindet, oder nicht, darauf wird es am wenigſten ankommen. Man nährt alſo auf dieſe Weiſe vortrefflich die ſo reichlich wuchernde eonventionelle Lüge und man zerſtört die Natur. Uebrigens ſind es keineswegs nur die Briefe, in denen jene Gefahr erkünſtelter Gefühlsäußerung nahe liegt, und ich bemerke darum, daß nach meiner Anſicht von dem Styllehrer überhaupt ſelten an das Gefühl, am wenigſten an das ſittliche Gefühl der Jugend appelliert werden ſoll. Die ſittliche Gefahr iſt viel zu groß, als daß um andrer Vortheile willen mit der Natur geſpielt werden dürfte. Ich glaube, dieſer Grundſatz gilt nicht blos an unſerer Anſtalt, er gilt aber hier ganz beſonders. Nach der obigen Skizzierung muß es den Seminariſten ganz beſonders ſchwer fallen, in eine fremde Situation ſich hineinzuverſetzen; es widerſtrebt ihnen alſo offenbar in beſonders hohem Grade, nicht nur die Gedanken, ſondern die unmittelbaren Empfindungen eines Dritten für die eignen Empfindungen zu nehmen, ja denſelben in hoch⸗ deutſcher Sprache ſchriftlichen Ausdruck zu leihen.

Nachdem hiermit die leitenden Grundſätze für die Auswahl der Stoffe feſtgeſtellt ſind, wende ich mich jetzt zu dem praktiſchen Theil der Frage.

Welche Stoffe ſind nach den bisher entwickelten Grundſätzen im Stylunterrichte verwendbar?

Auch nach den Einſchränkungen, welche aus dem Vorſtehenden ſich ergeben, iſt das Gebiet, aus welchem der Stoff zu Aufſätzen zu wählen iſt, ein ſehr großes; denn innerhalb des Geſichts⸗ kreiſes unſrer Schüler wird des Schönen und Intereſſanten gar viel geboten. Da iſt einmal die ewig junge und unerſchöpflich reiche Natur, welche zur Betrachtung auffordert und damit die Beſchreibung und Schilderung anregt, da iſt das Menſchenleben mit ſeinem beſtändigen Wechſel, deſſen mannigfaltig geſtaltete, bunt gefärbte Bilder in Erzählungen aus alter und neuer Zeit an uns herantreten. Welch' weite Gebiete ſind damit eröffnet, zunächſt nur um in reproducierenden Arbeiten ſich wiederzuſpiegeln! Aber dieſe Gebiete erweitern ſich noch, wenn ſie zum Gegenſtande der Reflexion gemacht werden. Bezieht ſich dieſelbe auf die Natur, ſo wird die Beſchreibung und Schilderung zur Vergleichung; hat ſie Perſonen zum Gegenſtande, ſo liefert ſie Charaktergemälde; faßt ſie Verhältniſſe des menſchlichen Lebens ins Auge, ſo entſtehen Unterſuchungen, Bearbei⸗