Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
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4.

hinausführende Aufgaben werden von den Schülern nicht mit der Freudigkeit übernommen, welche eine ſehr weſentliche Vorausſetzung für das Gelingen der Arbeit bildet. Nur durch ſtetes Dar⸗ bieten leicht verſtändlicher Stoffe wird es möglich, bei den Uebungen im deutſchen Styl einen wohlthätigen Einfluß auch auf die höheren geiſtigen Kräfte zu gewinnen. Es handelt ſich um den Einfluß des Stylunterrichts auf die geiſtige Entwickelung, und ſo werthvoll derſelbe gerade nach dieſer Seite hin wirken kann, ſo groß kann auf der andern Seite der Schaden ſein, den ein nicht natürliches, ſondern künſtliches Verfahren anrichtet. Um mich deutlicher zu machen, will ich hier näher auf zwei, nach meiner Ueberzeugung naturwidrige und darum ſchädlich wirkende Verfahrungs⸗ weiſen eingehen.

Man kann einmal die Vorſtellungskraft künſtlich anregen zu Stylzwecken. Die Behandlung und Berückſichtigung der Vorſtellungskraft in der Schule iſt meiner Anſicht nach ein Problem, bei deſſen Löſung viele und ſehr lange nachwirkende Fehler begangen werden. Im allgemeinen fehlt es in der Schule an einem geordneten Plane für die extenſive und intenſive Vervollkommnung derſelben und an einer ſtrengen Unterſcheidung zwiſchen Vorſtellungskraft und Gedächtniß. Während das letztere vielfach überlaſtet wird, vermag das erſtere nicht nachzukommen, es ermüdet und erlahmt, die Farben verblaſſen, die Umriſſe werden immer ſchattenhafter, das ſichere Eigenthum an Vor⸗ ſtellungen wird damit immer kleiner. Wie wichtig dies für die Schule überhaupt iſt, leuchtet ein, ſobald man ſich klar macht, daß alle Begriffe auf dem bewußt oder unbewußt vorauszuſetzenden Subſtrat einer ſinnlichen Vorſtellung ruhen. Hierauf weiter einzugehen, iſt an dieſer Stelle nicht meine Aufgabe. Es gilt mir nur darum, auf die Nothwendigkeit, die Vorſtellungskraft mit allem Fleiße zu uͤben, hingewieſen zu haben und in Anknüpfung daran die Schädlichkeit eines Verfahrens nachzuweiſen, welches dem oben gegebenen Grundſatze für die Auswahl des Stoffes widerſpricht und Natur zerſtörend wirken muß. Es wird am beſten ſein, dieſes Verfahren zu exemplificieren. Man findet in den einſchlägigen Lehrbüchern eine große Anzahl von Aufgaben zur Beſchreibung oder Schilderung von Landſchaften, die der Schreibende nur aus Büchern kennt. Da ſoll das Panorama vom Rigi, eine Fahrt über den Brenner, eine Beſteigung des Brockens geſchildert werden. Aus der Geographieſtunde iſt das topographiſche Material geläufig, die Karte legt das⸗ ſelbe im Bilde dar, der jugendliche Reiſende begibt ſich nun an Ort und Stelle und ſchildert das großartige Alpenpanorama mit einem ſtaunenswerthen Aufwand von prächtigen Wörtern, denen die eingeſtreuten Ausrufungszeichen den entſprechenden Rhythmus verleihen. Es kann einem ſolchen jungenKosmopoliten paſſieren, daß er bald darauf ſeinen Fuß wirklich auf Rigi Kulm ſetzt und ſeine Schilderung denn doch faſt ſchöner findet als die Natur. Wenn er als Mann den Berg betritt, wird er nur ein mitleidiges Lächeln haben für die bunten Läppchen, womit er ſein papiernes Panorama ausſtaffiert hatte. Und mit Recht! Denn die Unwahrheit der großen Procedur ſpringt in die Augen. Wer etwas, das er nie geſehen, mit der Prätenſion des Augenzeugen ſchildert, der iſt ein Phantaſt oder ein wirklicher Dichter. Es iſt kaum nöthig, auf den ſittlichen Schaden auf⸗ merkſam zu machen, den ſolche Arbeiten anrichten müſſen.

Wie die Vorſtellungskraft, ſo kann auch die Urtheilskraft künſtlich überreizt werden zu Stylzwecken. Das würde bei uns geſchehen können, wenn wir jenſeits des Geſichtskreiſes der Seminariſten liegende Fragen, z. B. Fragen des ſocialen Lebens, künſtlich hereinziehen wollten. Wer das Seminar nur von Hörenſagen kennt, der wird es vielleicht angemeſſen finden, wenn die jungen, unmittelbar vor dem praktiſchen Leben ſtehenden Leute, Aufforderung finden, ihre Anſicht über ſolche Fragen auszuſprechen. Nun ermangeln aber, wie wir geſehen haben, unſere Schüler ſowohl der wirklichen geiſtigen Reife wie auch der bewußten eigenen Erfahrung. Für alle ge⸗ ſunden Naturen iſt es aber eine geiſtige Tortur, wenn man ihnen, auch nur verſuchsweiſe, Selbſt⸗ ſtändigkeit auf einem Gebiete anmuthet, auf dem ſie ihrem ganzen geiſtigen Habitus wie ihrer äußeren Stellung nach noch keinen Beruf zum Urtheilen haben.

Ein dritter die Auswahl bedingender Grundſatz bezieht ſich auf die Qualität des Aus⸗ zuwählenden. Dieſer Grundſatz lautet:es darf nur dasjenige gewählt werden, was geeignet iſt, das lebhafte Intereſſe aller in Anſpruch zu nehmen. Jedes Thema ſoll auf den Schreiben⸗ den einen gewiſſen Reiz ausüben. Man hat das Schreiben von Auffätzen geradezu verworfen, weil, wie man ſagte, dieſelben nur auf äußere Veranlaſſung, ſo zu ſagen, auf Befehl abgefaßt würden und ſchließlich doch freie Arbeiten ſein ſollten. Dieſer Vorwurf verdient hier nur inſo⸗