Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
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empfindlichen Mangel an feinerem Sprachgefühl zur Folge. Dieſe Erſcheinung zeigt ſich Jahr für Jahr bei dem weitaus größeren Theile unſerer Neuaufgenommenen. Mit der geiſtigen Be⸗ gabung derſelben ſteht ſie außer allem Zuſammenhang; ganz gering Begabte handhaben nicht ſelten die Schriftſprache mit größerer Gewandtheit und Sicherheit als andere viel beſſer Begabte. Die Urſache dieſer Erſcheinung iſt vielmehr in der Art der Vorbereitung auf das Seminar zu ſuchen; denn es zeigt ſich mit großer Regelmäßigkeit, daß ein höherer Grad von Gewandtheit in der ſchriftlichen Darſtellung nur von ſolchen erreicht worden iſt, die nach dem Beſuche der Volks⸗ ſchule einen zuſammenhängenden, planmäßigen Unterricht gehabt haben.

Zu dieſen bei der Feſtſtellung des Zieles für den Stylunterricht in hohem Grade wichtigen Eigenthümlichkeiten der in das Seminar Eintretenden kommen nun noch einige Eigenthümlichkeiten unſerer Anſtalt hinzu, die bei dieſer Feſtſtellung ebenfalls Berückſichtigung verlangen. Mit der Hervorhebung derſelben ſoll durchaus kein anderer als der nächſte Zweck verfolgt werden, jene Fixierung vorzubereiten. Einmal iſt die große Summe der Lehrgegenſtände und damit auch der Unterrichtsſtunden hervorzuheben. Die Receptivität wird in einem verhältnißmäßig ſehr hohen Grade in Anſpruch genommen, an das Gedächtniß namentlich müſſen ſehr bedeutende Anforderungen geſtellt werden, die Zeit iſt für den gewiſſenhaften Schüler eine ſehr gemeſſene. Alles dies iſt unter den gegebenen Verhältniſſen nothwendig; aber es wird kein Einſichtiger leugnen, daß dies eine der Förderung der Productionskraft im allgemeinen ungünſtige Eigenthümlichkeit des Seminars iſt. Sodann iſt darauf aufmerkſam zu machen, daß wir hier für den deutſchen Styl einer Unterſtützung entbehren, die demſelben an den meiſten höheren Lehranſtalten einen bedeutungsvollen Vorſchub leiſtet, wenigſtens leiſten kann, nämlich des Unterrichts in fremden Sprachen. Mich auf eine häheir Erörterung hierüber einzulaſſen, halte ich für unnöthig; es genügt, daran erinnert zu haben.

Außer dem bisher Bemerkten trägt endlich noch eine Erfahrung weſentlich dazu bei, das Ziel für unſeren Unterrichtsgegenſtand zu beſtimmen, eine Erfahrung, die ich im Laufe der letzten vier Jahre gemeinſam mit meinen beiden ebenfalls Stylunterricht ertheilenden Collegen gemacht habe. Dieſe Erfahrung mag nach den bisherigen Ausführungen vielleicht immer noch überraſchen, ſie iſt eben eine Folge ſehr verſchiedenartiger zuſammenwirkender Urſachen, in deren Complication hier nicht weiter eingetreten werden kann. Bisher hat nämlich die Erfahrung bewieſen, daß eine geiſtige Selbſtſtändigkeit im eigentlichen Sinne kaum in einzelnen Fällen, am allerwenigſten bei der größeren Zahl unſerer Schüler bei ihrem Abgange von der Anſtalt eingetreten war. Ich verſtehe hier unter geiſtiger Selbſtſtändigkeit das Vermögen, in eigner Production Zeugniß von der erlangten Reife abzulegen, und ſodann die Fähigkeit, den Gedankeninhalt und Gedankengang fremder Producte ſelbſtſtändig zu erfaſſen, die einzelnen Gedanken, die eignen wie die fremden, zu größeren Reihen zu verbinden, die zuſammen gehörigen unter einen Hauptgedanken zu gruppieren. Erſt mit dem Betreten dieſer Entwicklungsſtufe pflegt zum Vorſchein zu kommen, was im höheren SinneStyl genannt wird, das individuelle Gepräge in der Erfi dung ſowie in der Verbindung und Einkleidung der Gedanken. Dieſe Selbſtſtändigkeit kann ohne Zweifel nicht durch die Schule allein hervorgebracht werden, am wenigſten durch zwei wöchentliche Stylſtunden. Sie iſt das Reſultat einer perſönlichen Entwicklung, welche von außen wohl geleitet, gefördert oder auch ver⸗ nachläſſigt werden kann, welche aber die Grundbedingungen ihres Gedeihens theils in der natür⸗ lichen Beanlagung, theils in Verhältniſſen trägt, auf welche unſer Einfluß ſich nicht erſtreckt.

Nach dieſer Vorbereitung bezeichne ich nun als das nächſte Ziel für den Stylunterricht am Seminar:Fertigkeit in der ſchriftlichen Anwendung der hochdeutſchen Sprache. Man wird nach allem bisher Angeführten dieſes Ziel in ſeiner Bedeutung für unſere Anſtalt nicht unterſchätzen. Einmal ſind die Eintretenden noch weit von demſelben entfernt, ſodann iſt die Erreichung desſelben die abſolut nothwendige Vorausſetzung für jedes höhere Streben auf unſerem Gebiete. Ich ſtelle aber ſogleich ein höheres Ziel neben das genannte nächſte, und als dieſes bezeichne ichdas Ver⸗ mögen, den im Seminar erlangten Grad der geiſtigen Selbſtſtändigkeit in ſchriftlichen Arbeiten zu dem nach Form und Inkhalt entſprechenden Ausdruck zu bringen. Kaum ein anderer Lehrgegen⸗ ſtand nimmt eine ſo centrale Stellung in dem Organismus des Unterrichts ein wie der deutſche Styl. Soweit er bloße Schreibfertigkeit bedeutet, wie auch ſoweit er Bezeichnung für den origi⸗ nellen Gehalt und die entſprechende Einkleidung der Gedanken iſt, unterliegt der Styl der Beein⸗