Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
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50 Seminariſten 3 Jahre im Seminar bleiben. Selbſtverſtändlich aber iſt dieſer ſichtbare Erfolg nicht der einzige, den man in Anſchlag bringen darf. Man muß außerdem immer noch Rückſicht nehmen auf das, was den andern Schülern ſchon durch das Anhören eines geſchmackvollen Leſens und Vortrages geboten wird.

Es iſt hier wohl die Stelle, an welcher noch etwas über das Leſen der Dramen geſagt werden kann. Es wurde früher bereits mitgetheilt, daß und welche Dramen im Seminar durch⸗ genommen werden. Bei dem Durchgehen dieſer Dramen wurden nun nicht etwa von je einem Schüler einige Seiten ohne Rückſicht auf den Wechſel der auftretenden Perſonen geleſen, ſondern es wurden in jeder Stunde von Zeit zu Zeit die Rollen vertheilt. Dieſes Vertheilen der Rollen macht ſich, ſobald einmal überhaupt Dramen geleſen werden, ſo ſehr von ſelbſt, daß ſich dagegen ſchwerlich Bedenken erheben werden, es ſei denn, daß man das Leſen von Dramen an und für ſich beanſtandet. Ich habe aber auch keinen Anſtand genommen, die früher in den Stunden durch⸗ gegangenen Dramen an freien Nachmittagen oder Abenden von Schülern mit vertheilten Rollen leſen zu laſſen. Ich ſage: ſie ſind geleſen worden; ich ſage aber nicht: ſie ſind theatraliſch auf⸗ geführt worden. Aus dem, was oben bei Gelegenheit der Ausführungen über das Deklamiren geſagt wurde über die dabei hervortretende Dispoſition der Seminariſten, ergibt es ſich wohl von ſelbſt, warum ich kein Bedenken gegen ein derartiges Leſen von Dramen gehabt habe. Man hat mitunter empfohlen, und wie mir ſcheint mit vollem Recht, daß an höheren Lehranſtalten von den⸗ jenigen Lehrern, welche dazu beſondern Beruf in ſich verſpüren, größere deutſche Dichtungen im Zuſammenhang möchten vorgetragen werden. Solche Vorleſungen von Seiten der Lehrer finden denn auch in der hieſigen Anſtalt ſtatt. An den Sonntag⸗Abenden wurden öfter von einzelnen Lehrern vor den Schülern, welche ſich freiwillig einfanden, ganze Dichtungen, oder auch Bruchſtücke, oder Erzählungen, kurz das Verſchiedenartigſte aus dem Bereiche der Literatur vorgetragen. Mit⸗ unter wurde auch einzelnes von Schülern vorgeleſen. In Parentheſe ſei hier zugleich bemerkt, daß bei dieſer Gelegenheit gewöhnlich auch Klavierſpiel, ſonſtige Inſtrumentalmuſik und Geſänge ſich hören ließen. Es iſt das eine Einrichtung, welche ſich noch in dem Anfangsſtadium der Entwick⸗ lung befindet, der ich mehr Erfolg wünſche, als ſie ſeither gehabt hat, und deren Entwicklung ich ernſtlich erhoffe.

Wir ſind am Schluſſe der Darſtellung angelangt. Ich erlaube mir nur noch einige Be⸗ merkungen allgemeiner Art. Der Unterricht in Leſen und Literatur gehört anerkannter Maßen zu denjenigen Fächern, deren Betrieb eine bedeutende ethiſche Einwirkung auf die Schüler haben kann und haben ſoll. Wer in dem beſprochenen Fach unterrichtet hat, der weiß auch, daß dieſe Stunden mehr als viele andre dem Lehrer Freude bereiten können; er weiß aber auch, daß in wenig andern Unterrichtsſtunden die bei den Schülern herrſchenden Mängel ſo deutlich hervortreten und ſo große Ueberraſchungen und Enttäuſchungen bereiten als in dieſen Stunden. Ich habe nach beiden Seiten hin reichlich Erfahrungen gemacht. Ich kann verſichern, daß ich im Laufe der 4 Jahre, innerhalb welcher ich nun den Unterricht in Leſen und Literatur ertheilt habe, mitunter bei dem Unterrichten wirklichen Genuß und wahrhafte Erholung gefunden habe. Ich kann aber auch mit eben demſelben Nachdruck verſichern, daß mir in keinem andern Unterrichtszweig die Stylſtunde ausgenommen die Mangelhaftigkeit der herkömmlichen Vorbereitung für das Seminar ſo handgreiflich entgegen getreten iſt als bei dem Literaturunterricht. Es iſt meine wohl erwogene Ueberzeugung: wenn in dieſem Fach etwas wirklich Solides geleiſtet werden ſoll, wenn der Unterricht in dieſem Fach denjenigen moraliſchen Erfolg haben ſoll, den er ſeiner Natur nach haben kann, ſo muß für eine gründlichere Vorbereitung der künftigen Seminariſten geſorgt werden.