Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
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Gegenſatz des Inhalts verlangt auch einen Gegenſatz im Stimmausdruck.Dann tönte himmliſch helle des Jünglings Stimme vor, wird der gute Leſer mit ganz anderem Ausdruck leſen als: des Alten Sang dazwiſchen wie dumpfer Geiſterchor. Der Zorn, der Abſcheu, die Freude, die Wehmuth, die Trauer, der Zweifel, die Spottſucht, jede dieſer Gemüthsbewegungen, welche das Wort des Dichters zur Darſtellung bringt, muß in ihrer eignen Sprache reden. Auch die ſittliche Empfindung des Vortragenden ſelbſt muß ſich in der Stimme zur Geltung bringen. Wer gut lieſt, der braucht einen ganz andern Stimmton bei den Worten:Der rechts auf der Sonnen⸗ bahn der Tugend in ein weites, ruhiges Land voll Licht und Ernten und voll Engeln bringt, als bei den Worten:welcher links in die Maulwurfsgänge des Laſters hinabgeht in eine ſchwarze Höhle voll heruntertropfenden Giftes, voll zielender Schlangen und finſterer, ſchwüler Dämpfe. Auch das Tempo des Vortrags richtet ſich nach dem Inhalt des Vorgetragenen. Es kommt die rhetoriſche Pauſe zur Anwendung u. dgl m. Kurzum der ganze Tenor des Vortrags entſpricht beim geſchmackvollen Leſen dem Inhalt des Vortrags, und es, kommen die verſchiedenartigſten Vor⸗ tragsmittel zur Anwendung. Fuͤr dieſe feineren Nüancen des Vortrags hat nun eine große Zahl der Seminariſten nicht viel Sinn, und dieſe kunſtvollere Art der Darſtellung fällt vielen unter ihnen ſehr ſchwer. Man hört z. B. beim Leſen des Uhland'ſchen Gedichtes:König Karls Meer⸗ fahrt oft den Erzbiſchof Turpin, den Grafen Richard Ohnefurcht, den ſchlimmen Ganelon und Herrn Gottfried lobeſan ganz in einem und demſelben Tone reden, während doch der erſte ſalbungs⸗ voll, der zweite trotzig, der dritte boshaft und der vierte phlegmatiſch ſprechen ſollte. Hier muß nun die Hauptarbeit von Seiten des Lehrers geſchehen. Der Lehrer muß ſelbſt im rechten Ton, mit dem richtigen Stimmausdruck, mit Verwendung der verſchiedenartigſten Vortragsmittel vor⸗ leſen. Er muß bei den jungen Leuten den Sinn und Geſchmack für dieſe kunſtvolle äſthetiſche Art von Vortrag wecken. Er muß diejenigen unter ihnen, welche Anlage und Neigung für dieſe feinere Weiſe des Vortrags haben, aus der Maſſe herausfinden und dieſen Gelegenheit geben, ſich darin zu üben. Die Gruͤnde, welche gegen dasDeklamiren ſprechen, ſchlage ich durchaus nicht gering an. Aber in der That ſind die ſittlichen Gefahren, welche unter Umſtänden mit dem Deklamiren verbunden ſind, für unſere Schuͤler von ſehr geringer Bedeutung. Die Seminariſten zeigen beim Vortragen ſehr wenig Neigung zur Affectirtheit, zu vorlautem Schauſpielern und zu theatraliſch geſpreiztem Weſen. Sie zeigen ſich vielmehr befangen, verzagt und ſpröde. Außerdem aber mache ich darauf aufmerkſam, daß hier vom Deklamiren im ſtrengen Sinne des Wortes gar nicht die Rede iſt. Die Darſtellung durch Gebärde und Geſtikulation iſt von vornherein aus⸗ geſchloſſen. Ja man ſoll auch dem kunſtvollſten Vortrag immer noch anhören, daß recitirt wird, daß nicht eine dritte Perſon ſelbſt ſpricht. Endlich wird das Hervorbringen des rechten Stimm⸗ ausdrucks niemals erzwungen. Damit ſoll nicht bloß das ſehr Selbſtverſtändliche beſagt ſein, daß man ſich hütet, die Schüler zu nöthigen zu dem Ausdruck einer Empfindung, die ſie nicht haben. Es ſoll damit etwas Weiteres geſagt ſein, dieß nämlich, daß man Schüler, welche weder Begabung noch Neigung zu der genannten Kunſtleiſtung zeigen, mit den bezüglichen Anforderungen unbehelligt laſſe. Ich tröſte mich in ſolchem Falle mit dem Gedanken, daß nicht alle alles lernen können. Ich kann das um ſo eher, als ich gar nichts einzuwenden finde gegen die Anſicht, daß jemand ein Gedicht recht gut verſtehen kann, ohne daß er darum ſchon im Stande iſt, es wirklich ſchön vorzutragen. Er iſt dazu nicht im Stande, weil ſich ihm ganz abnorme Schwierigkeiten, die in ſeiner nicht normal entwickelten Individualität liegen, entgegenſtellen, Schwierigkeite, übér welche er ohne innere Beſchädigung nicht Herr werden kann. Es darf ſich alſo hier, wie bereits oben bemerkt, nur darum handeln, daß einzelnen Schülern, welche beſondere Anlagen und Neigung für einen ſchoͤnen Vortrag haben, Gelegenheit geboten werde, ſich darin zu üben. Dieſe Gelegenheit wird denn auch ſattſam geboten. Einmal werden einzelne Schüler ausgewählt, und es werden dieſen Gedichte, welche im Leſebuch nicht enthalten und den meiſten Seminariſten nicht bekannt ſind, in die Hand gegeben, damit ſie ſich für den Vortrag vorbereiten und dieſelben dann in einer der nächſten Stunden vorleſen. Sodann aber werden bisweilen alle Schüler einer Claſſe angewieſen, ſich aus den früher gelernten Gedichten eins auszuwählen, dasſelbe zum Vortrag ganz fertig zu machen und es dann in der Stunde herzuſagen. Da kann denn ein jeder nach der beſprochenen Richtung ſo viel leiſten, als er vermag. Immerhin haben dieſe Bemühungen um einen ſchönen Vortrag nur bei einzelnen ſichtbaren Erfolg, obſchon ſich deren Zahl vergrößert hat, ſeitdem alle