Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
Einzelbild herunterladen

48

ſtoff ganz trockne Sätze gewählt, gewöhnlich Sprüchwörter. Man nimmt z. B. den Satz vor: Wer ſich lobt allein, des Ehr iſt gar klein. Es ſoll beſtimmt werden, auf welches Wort im Vorderſatz der Hauptton fällt. Frage: weſſen Ehr iſt zu klein? Deſſen, der nur ſich ſelbſt lobt, aber keinen andern? Dann betont man: wer ſich lobt allein. Oder deſſen, der ſich nur lobt, nicht aber etwas anderes mit ſich vornimmt z. B. ſich tadelt? Dann iſt zu betonen: wer ſich lobt allein. Oder deſſen, der nur ſelbſt ſich lobt, ohne daß ihn ein anderer lobt? Dann fällt der Accent auf allein; wer ſich lobt allein. Solche Experimente ſollen indeſſen, wie bemerkt, nur ſelten und gelegentlich einmal vorkommen. Wirkliche Sicherheit in der Betonung erzeugen ſie ja nicht. Um zu wirklicher Sicherheit zu führen, dazu taugt bei jungen Leuten von 1619 Jahren ein ganz anderer Weg. Man muß die jungen Leute möglichſt viel leſen und vortragen laſſen. Geſchieht das 3 Jahre hindurch, dann werden ſie ohne Tortur feſt und ſicher. Das ſchließt nicht aus, daß bei längeren und complicirteren Sätzen eine Anleitung zur ökonomiſchen Verwendung der Stimmmittel, zur zweckmäßigen Anwendung von Pauſen, Tonſtärke und Tonhöhe gegeben wird. Am erfolgreichſten geſchieht das durch Vorleſen und Vorſprechen. Beiſpiel: Ich(Pauſe) ſinge, wie der Vogel ſingt, der in den Zweigen wohnt. Das Leſen ſoll nicht nur laut⸗ und tonrichtig ſein, ſondern auch gefällig, alſo nicht abſetzend und ſtockend, ſondern geläufig und fließend, mit heller Scheidung des dem Sinne nach zuſammen Gehörigen und nicht zuſammen Gehörigen, alſo mit Anwendung der entſprechenden Pauſen, nicht ſingend, ſondern natürlich und ungezwungen. Es müſſen eine große Anzahl von Unarten abgelegt werden, die Sprödigkeit des Stimmmaterials muß überwunden werden u. ſ. w. u. ſ. w. Das alles wird bewirkt un öftere und durch länger andauernde Leſeübung. Weil nun das laut⸗ und tonrichtige, ſowie das gefällige Leſen öftere und länger andauernde Uebung verlangt, dieſe Art des Leſens aber namentlich bei den jüngeren Seminariſten cultivirt werden muß, ſo iſt die Einrichtung getroffen, daß die dritte Claſſe für die Leſeſtunde in 2 Abtheilungen getrennt wird, ſo daß jede dieſer beiden Ab⸗ theilungen ihre 2 wöchentlichen Leſeſtunden geſondert ertheilt bekommt. Außerdem kommt es bei dieſer elementarſten Leſeübung noch beſonders darauf an, die Schüler daran zu gewöhnen, daß ſie auf das Leſen ihrer Kameraden ſcharf hören, daß ſie auf den Unterſchied zwiſchen ſchönem und häßlichem, richtigem und falſchem Leſen genau achten. Es gilt alſo, nicht bloß von Zeit zu Zeit die Stimmmittel, ſondern immerwährend auch das Ohr der Schüler in Anſpruch zu nehmen. Eine beſondere Aufmerkſamkeit verlangt der Vortrag von Gedichten. Bei dieſen ſoll nicht nur laut⸗ und tonrichtig ſowie gefällig geleſen werden, ſondern es ſoll auch zugleich Rhyth⸗ mus und Reim beim Vortragen hervortreten. Ungeübte haben die Gewohnheit, Gedichte zu leiern, d. h. in jeder Zeile gleichmäßig immer die ſo und ſovielſte(4te oder 6te ꝛc.) Silbe zu betonen. Um dieſe häßliche Manier abzugewöhnen, dazu dient am meiſten dieß, daß man ſtreng nach dem Rhythmus leſen läßt. Ein gehöriges Scandiren macht das Leiern faſt unmöglich. Von bedeu⸗ tendem Erfolg für den Vortrag der Gedichte iſt das Recitiren memorirter Gedichte. Wer ein Gedicht herſagt, ohne das Buch zu benützen, bei dem hat das Wort des Dichters bis zum Aus⸗ ſprechen desſelben einen viel kürzeren Weg zurückzulegen als bei demjenigen, welcher lieſt. Weil der Recitirende das Wort des Dichters bereits in ſich hat, ſo fällt die ganze Procedur des Ableſens und Aufnehmens hinweg. Außerdem iſt der Recittrende bereits früher genöthigt geweſen, ſich im Vortrag zu üben. Das alles freilich nur unter der Vorausſetzung, daß einerſeits tüchtig und andererſeits in der richtigen Weiſe memorirt worden iſt. Trifft dieſe Vorausſetzung zu, ſo kann beim Herſagen in viel höherem Maße als beim Leſen auf die richtige Vereinigung von Betorung, Geläufigkeit im Sprechen und Berückſichtigung von Rhythmus und Reim Obacht genommen werden. Das iſt ein weiterer Geſichtspunkt, der bei der Frage, ob Gedichte memorirt werden ſolle zur Geltung kommen muß und der entſchieden auf Bejahung dieſer Frage hindrängt . oben). Wer ſo weit gefördert iſt, daß er nach Laut und Ton richtig, daß er geläufig, gefällig, mit Beachtung von Rhythmus und Reim lieſt, der iſt eben aus dem Gröbſten herausgearbeitet. Aus⸗ drucksvoll, geſchmackvoll, äſthetiſch ſchön lieſt er darum noch nicht. Dazu gehört weit mehr. Beim geſchmackvollen Leſen muß die Stimme des Vortragenden vor allen Dingen das abbilden, was er vorträgt.Hohler und hohler hört man's rauſchen wird mit anderer Stimmhöhe vorgetragen als:Heller und heller wie Sturmesſauſen hört man's näher und immer näher brauſen. Der