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Leute, die aus ländlichen Kreiſen ſtammen, haben eine gar zu prononcirte Dialektausſprache. Dazu kommt, daß manche dieſer Laute, welche dem Dialekt localſter Natur angehören, für ein an die allgemeine landſchaftliche Art des Sprechens gewöhntes Ohr geradezu verletzend klingen. So z. B. das lange a in haaht(hat), das ſchon genannte breite e in Aehrde(Erde), das ebenfalls ſchon erwähnte ſpitze e in Lihre(Lehre). Hier muß alſo der Lehrer, welcher im Leſen unterrichtet, mit ſeiner Arbeit einſetzen. Uebrigens genügt es, auf dergleichen Uebermaß aufmerkſam zu machen, gelegentlich daran zu corrigiren, die in der Gegend übliche hochdeutſche Sprechweiſe nachſprechen zu laſſen. Allmählich ſchleift ſich Derartiges im Umgang mit den Mitſchülern und mit den Lehrern ganz von ſelbſt mehr und mehr ab.
Für das Leſen iſt von großer Wichtigkeit das rechte Treffen des Tons. Hier iſt nun ſelbſtverſtändlich nur von Satzton die Rede, da das Treffen des Worttons bei Schülern von dem Alter, wie es die Seminariſten erreicht haben, nicht mehr geübt zu werden braucht. Wie wird nun die Betonung des rechten Wortes im Satz erzielt? Durch Mittheilung von Betonungs⸗ regeln? Nein. Warum nicht? Aus praktiſchen Gründen und aus prinzipiellen Gründen. Reden wir zuerſt von den praktiſchen Gründen. Das Betonen ſoll alſo nicht durch Mit⸗ theilung von Regeln gelernt werden aus praktiſchen Gründen. Will man einmal Regeln aufſtellen, ſo muß man deren ſehr viele aufſtellen. Regeln in ſehr großer Anzahl aber verwirren eher, als daß ſie ſicher machen. Sodann aber ſind viele von den aufgeſtellten Regeln der Art, daß man gar nichts Rechtes mit ihnen anfangen kann. Was kann z. B. eine Regel nützen, wie die folgende:„Die attributiven Eigenſchaftswörter werden ſtärker betont als das Hauptwort, zu dem ſie gehören, wenn ſie ſolche Eigenſchaften bezeichnen, welche nicht von Haus aus dem durch das Hauptwort bezeichneten Gegenſtand anhaften“? Oft aber ſind die Ausnahmen faſt eben ſo häufig als die Regeln. Das iſt z. B. der Fall bei einer Regel wie dieſe:„Bei Adverbialbeſtimmungen wird das Adverbium der Art und Weiſe ſtärker betont als das Adverbium des Ortes, das des Ortes ſtärker als das Adverbium der Zeit“. Je complicirter die Sätze werden, um ſo compli⸗ cirter werden auch die Regeln; je complicirter dieſe aber werden, um ſo unzuverläſſiger werden ſie auch. Alles das Geſagte bezieht ſich indeſſen lediglich auf die Regeln, welche für Sätze außerhalb des Zuſammenhangs gelten. Denn für Sätze im Zuſammenhang der Rede verlieren ja alle Regeln ihre Geltung. Sie werden ſammt und ſonders umgeſtoßen durch den einfachen, aber ſehr folgeſchweren Zuſatz, der ja bei keiner einzigen Regel fehlen darf,„ſofern es der Zuſammenhang nicht anders verlangt“. Nun leſen unſere Schüler faſt nur zuſammenhängende Leſeſtücke. Was helfen da alle Regeln? Das ſind einige der vornehmſten Bedenken praktiſcher Natur, welche gegen ein Betonen nach Regeln ſprechen. Daß dieſe Bedenken nun wohl begründet ſind, davon kann man ſich leicht durch die Praxis überzeugen. Man braucht nur einmal ſcharf darauf zu achten, welchen Erfolg die Aufſtellung von Leſeregeln hat, und man wird finden, daß die Leſenden, nach⸗ dem ſie mit den Regeln bekannt gemacht worden ſind, erſt recht unſicher werden. Indeſſen ſo ſchwer dieſe praktiſchen Bedenken auch in's Gewicht fallen mögen, entſcheidend für unſer Urtheil ſind ſie nicht. Entſcheidend ſind Bedenken ganz anderer Art, und zwar Bedenken principieller Natur. Es iſt die Mutterſprache, mit welcher wir uns in der Leſeſtunde beſchäftigen, die Mutterſprache, welche unſere Schüler alle ſeit mindeſtens 14 Jahren geſprochen haben(2 Jahre für's Stammeln abgerechnet) und noch den ganzen Tag über ſprechen. Beim Sprechen der Mutterſprache aber betont man nicht nach Regeln, ſo wenig als man nach Regeln geht, oder nach Regeln ſchluckt. Ebenſo wenig aber ſoll man auch beim Leſen nach Regeln betonen. Nicht die kritiſche Reflexion nämlich iſt es, welche beim Geſchäft der Betonung vorzuwalten hat, ſondern das Sprachgefühl. Dieſes unbewußte Sprachgefühl aber läßt die Leute beim Sprechen der Mutterſprache recht betonen, ſobald ſie des Gedankens, den ſie ausſprechen wollen, ganz mächtig, ſobald ſie von demſelben ganz erfüllt ſind. Wenn ein Kind vor einem Hunde zurückſpringt, ſeine Mutter am Rock faßt und ängſtlich ausruft:„Mutter, der böſe Hund will mich beißen“, ſo legt es mit vollkommen ſicherem Gefühl den Ton auf die rechten Worte. Wenn ein Mann von dem allergemeinſten Kerl in großer Aufregung zugerufen bekommt:„Du biſt doch der ſchlechteſte Kerl, den die Sonne beſcheint“, ſo braucht er ſich gar keine Sorge darüber zu machen, daß ihm dieſes Compliment mit richtiger Betonung übermittelt wird. Dieſe Wahrnehmung nun, daß das Sprach⸗ gefühl ſchon das Kind und den ganz rohen Menſchen, wenn anders ein Gedanke ihre Seele ganz


