Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
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Verſtändniß einzuführen und dann ihm zu überlaſſen, aus dem richtigen Verſtändniß heraus die richtige Art des Vortrags zu gewinnen. Es wurde ſchon bemerkt, daß der Vortrag ſelbſt das Ver⸗ ſtändniß fördert. Eine Anleitung zum rechten Vortrag führt alſo erſt das rechte Verſtändniß her⸗ bei, oder corrigirt eine falſche Auffaſſung. Es läßt ſich alſo ein Verſtändniß gar nicht erzielen, ohne daß man Rückſicht auf den Vortrag nimmt. Aber auch ganz abgeſehen davon, ſo ſtellen ſich dem Ungeübten bei dem Ausſprechen des fremden Gedankens⸗und Wortes ſo viele Schwierigkeiten hindernd in den Weg, es ſchleicht ſich in den Vortrag ſchon von vornherein ſo leicht Falſches ein, daß Anleitung und Hilfeleiſtung von Seiten Erfahrenerer und Geübterer für den ungeübten Schüler ganz unentbehrlich iſt. Zum Beweiſe hierfür ſei einfach hingewieſen auf die ganz unbeſtrittene Thatſache, daß ein ſchöner, und auch nur ein correcter Vortrag gar nicht häufig, ſondern im Gegentheil recht ſelten iſt. Wenn ſonach die Nothwendigkeit einer Anleitung zum rechten Vor⸗ trag nicht wohl geleugnet werden kann, ſo fragt es ſich, welche Hilfeleiſtungen Schülern von dem Alter und der geiſtigen Reife der Seminariſten geboten werden müſſen, welche Uebungen zur Gewin⸗ nung eines guten Vortrags auf dieſer Stufe des Wiſſens und Könnens angeſtellt werden müſſen.

Leſen im gewöhnlichen Sinne des Wortes können ja die 1617jährigen Leute, welche in das Seminar eintreten. Es klingt darum auffallend, wenn man von der Aufmerkſamkeit redet, welche dem lautrichtigen Leſen gewidmet werden ſoll. Und doch kann die Rückſichtnahme da⸗ rauf, daß für das entſprechende Schriftzeichen der rechte Laut gebraucht werde, nicht ganz unter⸗ laſſen werden. Es kommt nämlich hier der Einfluß in Betracht, welchen der in der Heimath geſprochene Dialekt auf das Ausſprechen des Hochdeutſchen ausübt. Man muß eine beſtimmte Stellung nehmen zu der Frage, wie weit die Einwirkung der Mundart auf das Leſen des Hoch⸗ deutſchen geſtattet werden ſoll. Sehr ängſtlich darf man nun hierin auch nicht ſein. Aechter Wein hat Bodengeſchmack, nur der künſtlich gemachte Wein hat ihn nicht. Menſchen natürlicher Art laſſen, welchem Stand ſie auch angehören mögen, beim Sprechen des Hochdeutſchen ihr landſchaft⸗ liches Idiom durchklingen. Nur verdrehte, manirierte Menſchen ſuchen ſich aller mundartlichen Form beim Sprechen zu entledigen. Sie verſuchen das, ſage ich, aber fertig bringen ſie es nicht. Und zwar dieß deßhalb, weil das, was ſie wollen, ganz und gar unmöglich iſt. Das Hoch⸗ deutſche läßt ſich ohne Durchklingen der Dialektausſprache gar nicht ſprechen. Wer einer Sitzung des deutſchen Reichstags beiwohnt, der wird den vornehmen und hochgebildeten Rednern, die dort aufzutreten pflegen, alsbald anhören, aus welchem Theile Deutſchlands ſie ſtammen, natürlich vorausgeſetzt, daß er die nöthige Kenntniß von Land und Leuten hat. Das St, wie wir's aus⸗ ſprechen, lautet anders als das St der Schwaben, und anders als das heſſiſche und ſchwäbiſche St lautet das St der Hannoveraner. Das Sch der Oſtfrieſen klingt ſehr verſchieden von dem in hieſiger Gegend geſprochenen Sch. Die Brandenburger haben für das grin der Vorſilbe ge einen andern Laut als wir. Das ing der Oſtpreußen hört ſich durchaus nicht ſo an wie das ing der Rheinländer. Welche Ausſprache iſt nun die richtige? Keine und jede, wie man wlll. Jedes Ausſprechen des Hochdeutſchen hat eine mundartliche Färbung; es gibt keine Normalausſprache. Diejenigen, welche ſich aller mundartlichen Beimiſchung im Sprechen entledigen wollen, bringen es mit aller Mühe doch nur dahin, daß ſie ſich die mundartliche Ausſprache einer andern Landſchaft aneignen, während dieſe doch nicht einen Gran größerer Berechtigung hat als die mundartliche Sprachweiſe der Heimath. Wie ſchön das aber einem Vogelsberger anſteht, wenn er ſtatt des landſchaftlichen Herb⸗ſch⸗tein das fremdartige Herb⸗ſ⸗tein hören läßt, das braucht wohl nicht aus⸗ drücklich noch geſagt zu werden. Demnach muß man alſo beim Leſen diejenige Art der Ausſprache gelten laſſen, welche bei gebildeten Leuten unſerer Gegend üblich iſt, und wie ſie einem Fremden, einem Holſteiner z. B., uns Heſſen⸗Darmſtädter und Naſſauer als Landsleute erſcheinen läßt. Es ſragt ſich nun aber weiter, wie es beim Leſeunterricht gehalten werden ſoll mit den von einander ſo ſehr abweichenden Arten der Ausſprache, welche ſich wieder innerhalb der einen gemeinſamen Dialekt ſprechenden größeren Landſchaft vorfinden, mit den Dialektformen localſter Natur. Wir hören im Seminar das tiefe a und das breite e der Rheinheſſen, das weiche r der Umwohner von Darm⸗ ſtadt und das ſpitze e der Odenwälder, das auiekende oi(eu) der Wetterauer und das ſcharfe li der Vogelsberger. Auch dieſen localſten Dialektformen gegenüber ſoll man nicht allzu rigoros ſein. Naturwüchſigkeit iſt immer beſſer wie Geziertheit, und etwas allzu naturwüchſig iſt weitaus ſchöner als etwas gar zu geziert. Indeſſen das Uebermaß muß allerdings beſchnitten werden.