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getraue, über eine Sache etwas zu ſagen. Viel beſſer ſei der daran, der üher eine Sache nur ſo im allgemeinen etwas gehört habe, der könne aus freier Bruſt und mit vollem Munde darüber reden. Dieſe Rede bedarf wohl keiner weiteren Auslegung und keiner beſonderen Anwendung. Wenn etwas mit großem Ernſte vermieden werden muß, ſo iſt es dieß, daß die Zöglinge des Seminars, wo es nicht abſolut unvermeidlich iſt, nur über die Sachen hören, ohne die Sachen ſelbſt kennen zu lernen, daß ſie gar Urtheile fällen lernen über die Dinge, ohne mit den Dingen ſelbſt bekannt zu werden. Für die vorliegende Frage ergibt ſich daraus, daß den Seminariſten nichts Literaturgeſchichtliches geboten werde, was nicht mit dem von ihnen Geleſenen organiſch zuſammenhängt. Die Geſchichte der geſammten deutſchen Literatur vom 5. bis zum 19. Jahrhundert läßt ſich aber nimmermehr an die Lectüre anknüpfen, höchſtens nur dem Namen und Titel nach. Nach alle dem Geſagten kann man es darum wahrlich nicht für einen Schaden anſehen, ſondern vielmehr nur für einen Gewinn, wenn der Lehrplan des Seminars eine zuſammenhängende Literaturgeſchichte nicht aufweiſt. Wäre es überhaupt möglich, über die Grenzen hinauszugehen, welche gegenwärtig durch die Verhältniſſe dem Literaturunterricht im Seminar gezogen ſind, dann würde ich zunächſt immer noch nicht eine Literaturgeſchichte in der öfter genannten Form für das erſte Bedürfniß halten. Ich würde dann lieber die Grenzen nach einer andern Seite hin über⸗ ſchreiten. Ich würde einerſeits den Kreis der Lectüre erweitern, z. B. eine Anzahl Proſaſtücke. (Abhandlungen, Reden ec.) leſen laſſen, anderntheils die Lectüre vertieſen, ich würde namentlich⸗ auf manches in den geleſenen Dramen, z. B. die Monologe, näher eingehen. Wie die Sachen jetzt liegen, muß auch darauf verzichtet werden, und zwar im Intereſſe des Unterrichts und der Aus⸗ bildung ſelbſt. Man hat recht viel erreicht und man kann ſich des Erfolgs vollkommen freuen, wenn man den Theil der für den Literaturunterricht geſtellten Aufgabe, welcher ſeither beſchrieben worden iſt, einigermaßen gelöſt hat.
Was ſeither beſprochen worden iſt, bildet in der That nur eine Seite der Aufgabe, die durch den Unterricht gelöſt werden ſoll. Denn all das bis jetzt Geſagte bezog ſich nur auf das Ver⸗ ſtändniß des Geleſenen. Die Schüler ſollen aber in der Leſe⸗ und Literaturſtunde nicht bloß Verſtändniß gewinnen, ſondern zu gleicher Zeit eine Kunſt lernen und üben. Der Unterricht beſchäftigt ſich während der ganzen Dauer der Seminarzeit, von der erſten Stunde bis zur letzten, auch mit dem Vortrag. Die Schüler ununterbrochen im rechten Vortrag zu üben, ſie über die verſchiedenen Stufen der Vortragskunſt dahin zu führen, daß ſie richtig, gefällig, ausdrucksvoll und ſchön leſen können, das bildet die andere, ſehr wichtige Seite der zu löſenden Aufgabe. Unſere Betrachtung mag nun dieſe Seite in's Auge faſſen.
8 Vortrag.
Wer das Wort des Schriftſtellers mit Hilfe des Auges in ſich aufnimmt, der verſetzt ſich an die Stelle des Schriftſtellers. Es wiederholen ſich in ihm die Gedanken des Menſchen, der ſie zuerſt gedacht hat. Werden nun die Gedanken des Schreibers dem Leſer⸗ wirklich zu eigen, dann muß er ſie auch wiedergeben können im Wort, ſo wie ſie der Schriftſteller ſelbſt geſprochen hat. Geſprochen aber hat ſie der Schriftſteller auf jeden Fall, ob nun das Wort hörbar geweſen iſt oder nicht, denn die Schrift iſt ja nichts anderes als das Wort, dargeſtellt für das Auge. Der Leſer, der den fremden Gedanken in ſich aufgenommen hat, muß das geſprochene Wort des Fremden reden können als ſein eignes Wort. Ja zur vollſtändigen Erfaſſung des fremden Gedankens gehört weſentlich das Ausſprechen desſelben. Der Vortrag hängt alſo mit dem Verſtändniß ſehr innig zuſammen. Ohne Zweifel iſt der richtige Vortrag das Erzeugniß des inneren Ver⸗ ſtändniſſes. Niemand kann gut vortragen, dem das Verſtändniß fehlt. Unter ſonſt normalen Ver⸗ hältniſſen braucht man jemanden nur ein Gedicht vorleſen zu hören, und man hat die Probe, ob er dasſelbe verſtanden hat, oder nicht. Zugleich fördert anerkanntermaßen kaum etwas in dem Verſtändniß fremder Schriftſtücke mehr, als das laute Leſen und Vortragen derſelben. Es iſt ja häufig ein lautes Leſen genügend, um falſche Auffaſſungen für ſich ſelbſt corrigiren zu können, oder die richtige Auffaſſung ſich ſelbſt zu beſtätigen. Aus allen dieſen Gründen muß der Uebung im Vortrag von Seiten des Lehrers eine ganz beſondere Sorgfalt zugewendet werden. Anderſeits braucht der Schüler die Hilfe des Lehrers, um einen guten Vortrag zu gewinnen. So viel auch für den Vortrag vom Verſtändniß abhängt, ſo iſt es doch nicht genug, den Schüler in das rechte


