Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
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zum Behuf des Weiterſtudiums unerläßlich iſt, dagegen aber das mehr in den Hintergrund zurück⸗ treten zu laſſen, was durch Privatfleiß leicht nachgeholt werden kann und keine unerläßliche Be⸗ dingung bildet für das Weiterſtudium. So iſt denn auch in den früheren Erörterungen wieder⸗ holt als Hauptgeſichtspunkt, der bei dem Unterricht in Betracht zu kommen habe, dieß bezeichnet worden, daß die Schüler befähigt werden ſollen, anderes, was ihnen ſpäter entgegentritt, zu ver⸗ ſtehn und zu bewältigen. Es fragt ſich demnach: was iſt das Leichtere? Iſt es leichter, ohne gründliche Vorübung die Werke der Dichter und Schriftſteller leſen zu lernen, oder iſt es leichter, nach ſtattgehabter ſorgfältiger Einführung in das Leben einiger hervorragender Dichter eine popu⸗ läre Literaturgeſchichte zu verſtehen und zu gebrauchen? Hier iſt ein Zweifel nun gar nicht möglich. Wer von Haus aus durch die Verhältniſſe nicht beſonders unterſtützt wird, dem fällt es zehnmal leichter, eine populäre Literaturgeſchichte zu verſtehn, als die Dichterwerke in der rechten Weiſe zu leſen. Letzteres lernt man von ſich ſelbſt aus nicht leicht und aus Büchern ſehr ſchwer. Es hat alſo ſeinen ſehr guten Grund, wenn beim Seminarunterricht die Literaturgeſchichte auf⸗ tritt in Form von literarhiſtoriſchen Lebensbildern, welche ſich möglichſt eng an die Lectüre an⸗ ſchließen, nicht aber in der Form einer zuſammenhängenden populären Literaturgeſchichte, welche die geſammte deutſche Literatur der verſchiedenen Jahrhunderte umfaßt.

Und iſt es denn ein großer Verluſt, wenn die populäre, zuſammenhängende Geſchichte der geſammten deutſchen Literatur aus dem Seminarunterrichte ganz wegbleibt? Man vergegen⸗ wärtige ſich doch einmal, welche Geſtalt eine ſolche Geſchichte der deutſchen Literatur von den Zeiten des Ulfilas bis auf dieſen Tag im Unterricht thatſächlich gewinnt! Es gibt das eine Unmaſſe von Namen, Orts⸗ und Zeitangaben, kurzen biographiſchen Skizzen, Inhaltsanzeigen, Büchertiteln, daneben Mittheilung von Proben u dgl. m. Daß einem derartigen Lernen und Wiſſen nur ein ſehr geringer Werth beizulegen iſt, darüber iſt ſchon oben bei der Ausführung über den Unterricht in der Poetik das Nöthige bemerkt worden. Für die Verhältniſſe des Seminars aber hat ein derartiges Lernen und Wiſſen eine viel üblere Bedeutung als ein draußen Stehender auf den erſten Anblick denken mag. Die in das Seminar eintretenden Schüler ſind nur allzu geneigt, alles, was ihnen geboten wird, zunächſt lediglich gedächtnißmäßig außzufaſſen, jede Bemerkung, die ſie hören, als Notiz zu Papier und von dem Papier in den Kopf zu bringen. Jeder verſtändige Lehrer kämpft gegen dieſe Neigung an. Soll nun dieſe Neigung während der Literaturſtunde durch den in der geſchilderten Weiſe betriebenen Unterricht in der allgemeinen Literatur⸗ geſchichte auch noch ausdrücklich gepflegt werden? Die Seminariſten müſſen leider Gottes eine große Summe fragmentariſchen Wiſſens in ſich aufnehmen. Soll ſelbſt die Literaturſtunde dieſes notizenhafte Gedächtnißwiſſen vermehren? In den Köpfen der jungen Menſchen ſpeichert ſich ſo leicht das in den verſchiedenen Fachſtunden erworbene Wiſſen unorganiſch neben einander auf, alſo daß es gleichſam in verſchiedenen Schubfächern ruht. Soll auch noch die Literaturſtunde ſolches Wiſſen liefern, das nicht organiſch zuſammenhängt, ſondern haufenförmig nebeneinander liegt? Man hört nun freilich häufig genug ſagen: wer das Seminar beſucht hat, muß noth⸗ wendig über das und jenes etwas gehört haben, er muß nothwendig über das und jenes etwas ſagen können. Ja, iſt das aber nicht ein Unglück, wenn man über tauſenderlei Dinge etwas urtheilen hört und über tauſenderlei Dinge etwas urtheilen lernt, aber von dieſen Dingen nichts Gründliches erfährt und nichts Gründliches verſteht? In kurzen hiſtoriſchen Compendien findet man öfter über etwas ereignißleeren Zeitabſchnitten die UeberſchriftCharakter dieſes Zeit⸗ raums, und in dem betreffenden Paragraphen findet ſich dann ein kurzes Räſonnement über die in Betracht kommende Periode. Ein hiſtoriſch Gebildeter, der dieſe kurzen Notizen geleſen hat, ſagt ſich dann:über dieſen Zeitraum weiß ich ſo gut wie gar nichts, ich habe darüber nur das Urtheil eines Schriftſtellers geleſen; wollte ich darüber etwas Gewiſſes ſagen können, ſo müßte. ich erſt Einzelſtudien machen. Ganz anders wirkt aber die Kenntniß ſolch abgeriſſener Notizen und Urtheile auf ſolche, welche tiefere Studien überhaupt nicht gemacht haben. Bei dieſen ent⸗ ſteht leicht der Wahn des Wiſſens an der Stelle des wirklichen Wiſſens, ſie glauben häufig die Sachen zu kennen, wenn ſie etwas über die Sachen gehört haben, ſie bekommen nicht ſelten die fatale Neigung, gerade über ſolche Sachen mit großer Sicherheit zu urtheilen. Ich habe einmal die Rede eines gelehrten Mannes mit angehört, der in witziger Weiſe ausführte, wie hinderlich Detailkenntniſſe ſeien. Die Detailkenntniſſe ſeien Urſache, daß man ſich zuletzt gar nicht mehr