Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
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graphiſchen Darſtellung kommt, ſo hat das ſeinen Grund in der hervorragenden Stellung, welche dieſelben innerhalb der Geſchichte der neueren Literatur einnehmen. Selbſtverſtändlich ſteht aber die Bedeutung, welche eine biographiſche Skizze für die Schüler hat, in genauer Parallele zu der Gründlichkeit, mit welcher das Leben und poetiſche Schaffen eines Dichters betrachtet werden kann. Je weniger gründlich ein Dichterleben durchgegangen werden kann, um ſo weniger Werth hat auch die biographiſche Darſtellung für die Schüler.

Die ſeitherigen Ausführungen haben gezeigt, was im Laufe von 3 Jahren zum Verſtändniß der geleſenen Schriftſteller gethan worden iſt in den Leſe⸗ und Literaturſtunden. Es iſt wohl nicht zu beſorgen, daß ein Sachverſtändiger die Maſſe des in 3 Jahren durchgearbeiteten Lehr⸗ ſtoffs zu knapp finden ſollte. Jedenfalls würde im Angeſicht der Vorbereitung, wie ſie die unge⸗ heure Mehrzahl der in das Seminar eintretenden Jünglinge gehabt hat, ein ſolcher Einwurf von ſehr geringem Gewicht ſein, ſicherlich von ſehr viel geringerem Gewicht als der dem erwähnten gerade entgegengeſetzte Einwurf. Dagegen könnte ſehr leicht die Frage aufgeworfen werden: warum iſt der Lehr⸗ und Lernſtoff gerade ſo und nicht anders zugeſchnitten? Könnte nicht manches mehr in den Hintergrund treten, was jetzt ſehr im Vordergrund ſteht, manches dagegen viel mehr her⸗ vortreten, was nach dem entwickelten Lehrplan ſehr zurücktritt. Sollte es z. B. nicht beſſer ſein, auf die Poetik weniger Werth zu legen, die Lectüre etwas mehr zu beſchränken, dafür aber eine zuſammenhängende Geſchichte der Literatur zu geben? Wenn auch freilich keine eigentlich wiſſen⸗ ſchaftliche Literaturgeſchichte betrieben werden kann, ſo könnte doch wohl ſtatt der literarhiſtoriſchen Lebensbilder eine populäre Geſchichte der geſammten deutſchen Literatur von der Zeit des Ulfilas an bis auf den heutigen Tag geliefert werden. Würde eine ſolche populäre Literaturgeſchichte die jugendlichen Geiſter nicht vortrefflich einführen in die deutſche Literatur? Dieſer Frage gegen⸗ über werden einige Worte zur Herbeiführung einer Verſtändigung genügen.

Die AufſchriftLeſen und Literatur, welche dem in Rede ſtehenden Unterricht gegeben iſt, bezeichnet ein unendlich großes Gebiet. Auf dieſem Gebiet aber ſind die neu eintretenden Semi⸗ nariſten bis auf verſchwindend wenige Ausnahmen ſo gut wie gar nicht zu Hauſe. Unmöglich kann man aber doch einen jungen Menſchen von ſehr unzulänglicher Vorbereitung überall auf dieſem ihm bisher noch nicht bekannten Gebiet orientiren. Man muß alſo aus der ungeheuren Fläche einen kleinen Ausſchnitt machen und auf dieſer kleinen Fläche dann dem Schüler Beſcheid zeigen, und zwar möglichſt genauen Beſcheid. Wenn es alſo gilt, die rechte Auswahl zu treffen, ſo wird man ſich, um richtig auswählen zu können, vor allen Dingen die Frage beantworten müſſen: was iſt für einen jungen Menſchen zu wiſſen und zu können am wichtigſten und unent⸗ behrlichſten? Die geſammten früheren Auseinanderſetzungen liefen darauf hinaus, zu zeigen: es kommt am meiſten darauf an, die Schüler mit einer Auswahl vorzüglicher Leſeſtücke genau bekannt zu machen und zu gleicher Zeit an denſelben das Auffaſſungsvermögen, das Urtheil, den Geſchmack und das Gefühl der Schüler zu bilden. Ganz demſelben Zweck ſoll auch der Unterricht in der Poetik und die Bekanntmachung mit dem Leben und Wirken einiger auserwählten Dichter dienen. Iſt nun das, was von uns durch den Unterricht erſtrebt wird, wirklich das Wichtigſte und Unent⸗ behrlichſte? Oder gibt es etwas noch Wichtigeres und Unentbehrlicheres? Faſſen wir die Frage noch concreter! Iſt es wichtiger und unentbehrlicher, daß man die Werke der Dichter mit Ver⸗ ſtand leſen lernt, oder daß man die Geſchichte der Dichter kennen lernt? Daß man z. B. ſeinen Hebel zu ſeiner geiſtigen Ausbildung gebrauchen lernt oder daß man lernt, wann und wo dieſer und andere Dichter gelebt haben und wie ſeine Werke und andere Werke entſtanden ſind? Wenn eines von beiden denn doch entbehrt werden muß, kann jemand es beſſer entbehren, zu wiſſen, wann und unter welchen Umſtänden ein Lied gedichtet worden iſt, ſofern er das Lied nur aus vollem Herzen und mit lautem Munde ſagt und ſingt, oder kann er es beſſer entbehren, das Lied zu kennen, zu verſtehn und zu genießen, wenn er nux den Verfaſſer und vielleicht auch die Entſtehungszeit desſelben kennt? Es fällt ſicherlich nicht ſchwer, dieſe Frage zu beantworten. Wir wollen indeſſen dieſe Frage noch nach einer andern, und zwar nach der praktiſchſten Seite hin kehren. Ohne Zweifel kann der Seminarunterricht nur Anfänge bieten. Man muß wünſchen und hoffen, daß die Seminariſten nach ihrem Abgang vom Seminar noch weiter fortſtudieren. Bei der Auswahl deſſen, was im Seminar gelehrt und gelernt wird, gilt es alſo, das in den Vordergrund zu ſtellen, was durch Privatſtudium nicht leicht erworben werden kann, aber doch