36
zurückziehen auf den Satz: der Mißbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Indeſſen wir geben auch noch mehr zu. Wir geſtehen ein, daß dem Erklären ſchon von Haus aus eine große Gefahr innewohnt, die Gefahr nämlich, daß das Erklären zu einem Zerklären wird, daß dadurch der friſche und unmittelbare Eindruck der Dichtung auf das Herz des Leſers verwiſcht wird. Allein ſo gerne wir das auch zugeben, ſo ſehr wir unſererſeits dieſe Gefahr fürchten: eins können wir nicht zugeben, das nämlich, daß um dieſer Gefahr willen die Erklärung ſelbſt unter⸗ laſſen werden müſſe. Man braucht für das Erklären nur ein einziges Argument anzuführen; dieſes eine Argument iſt aber vollkommen beweiskräftig. Das Erläutern der Dichtungen iſt eben einfach unentbehrlich. Die in das Seminar eintretenden Schüler ſind ihrer größten Mehr⸗ zahl nach im Leſen der ſchönen Literatur ſo wenig geübt, daß ſie vieles von dem, was im Seminar geleſen wird und geleſen werden muß, ſchlechterdings nicht vollkommen verſtehen, wenn ihnen die Erklärung des Lehrers nicht zu Hilfe kommt. Das Beweismaterial für dieſe Behauptung ſteht in Fülle zu Gebot. Am bequemſten wäre es nun allerdings, wenn der Beweis an einem der ſchwereren Leſeſtucke geführt würde. Allein der Beweis wird ſchlagender werden, wenn er an einem einfachen und leichten Stück erbracht wird. Zu den leichteſten Arten der Schriftſtücke gehören ſicherlich die ſcherzhaften, humoriſtiſchen, einfach witzigen. Ich wähle aus dieſer Gattung einen der einfachſten Repräſentanten: Grimm's Mährchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Wenn dieſes Mährchen von einem der neu eingetretenen Schüler geleſen wird, ſo geſchieht das gewöhnlich in ſchulmäßig feierlichem Ton, und mit ſchulmäßiger Feierlichkeit hören die meiſten der Kameraden den Vortrag des leſenden Schülers an. Werden aber nun die betreffenden Stellen von Seiten des Lehrers herausgehoben, wird auf die Abſicht des Erzählers, die in dieſer Stelle zu Tage tritt, hingewieſen, ſo bricht alsbald eine zügelloſe Heiterkeit hervor. Ein deutliches Zeichen, daß die Schüler, auf ihre eigene Kraft angewieſen, die Abſicht des Schrift⸗ ſtellers nicht vollkommen verſtanden haben, dagegen dieſelbe recht wohl aufgefaßt haben, ſobald ihnen der Lehrer mit ſeiner Auslegung zu Hilfe kam. Was beweiſt das? Doch wohl ſo viel, daß die Erklärung in dieſem Fall abſolut nothwendig war. Iſt nun die Erläuterung bei einem ſo einfachen Schriftſtück ſchon unentbehrlich, wie viel mehr bei den ſchwereren und ſchwerſten Formen poetiſcher und proſaiſcher Darſtellung!
Wir laſſen nun einige der gewöhnlichſten Arten der Erläuterung nachfolgen. Für das Verſtändniß von Gedichten iſt die Kenntniß des Versbaues unentbehrlich. Ohne Zweifel iſt dieſe Kenntniß nothwendig zum richtigen Vortrag von Gedichten. Davon weiter unten. Hier iſt vorerſt noch allein die Rede vom Verſtändniß. Man denke an das Lied von der Glocke und an den genau dem Inhalte ſich anſchließenden Wechſel der Rhythmen. Man denke an die antiken Formen, z. B. an das Diſtichon, an die Ode. Wem hier der Rhythmus nicht in das Ohr fällt, der hat nur den halben Genuß von der Dichtung. Der Lehrer aber, der den Rhythmus zur Darſtellung und Anſchauung bringt, thut damit gar nichts anderes, als was der Lehrer der Mineralogie thut, wenn dieſer ſich nicht damit begnügt, die Kryſtalle den Schülern in die Hand zu geben, ſondern ausdrücklich noch auf die Geſtalt der Kryſtalle hinweiſt. Was den Reim betrifft, ſo wied eine bloße Erinnerung an die in der Wackernagel'ſchen Sammlung enthaltenen Sonette und Ghaſelen genügen, um die Nothwendigkeit eines Nachweiſes der verſchiedenen Reimformen zu erhärten. Beſonders zahlreich brauchen allerdings die Formen des Rhythmus und des Reims, welche vor⸗ geführt und zur Darſtellung gebracht werden, nicht zu ſein. Von rhythmiſchen Formen müſſen ſolche, welche nur deutſche Dichtungen leſen, kennen lernen die Spondeen, Daktylen, Anapäſten, Trochäen und Jamben, ſowie die Cäſur und die Diärheſe. Aus nahe liegenden Gründen werden ſolche Formen am beſten an leichteren und weniger gehaltreichen Gedichten aufgewieſen.— Sehr ins Auge fallend iſt ferner das Bedürfniß, in die eigenthümliche Form des poetiſchen Erzählens mit ihrem von der proſaiſchen Erzählungsart ſehr abſtechenden Character einzuführen. Man nehme nur irgend ein erzählendes Gedicht von hervorragender Bedeutung, z. B. Schiller's Graf von Habsburg. Soll der Schüler zu rechtem Verſtändniß und zum vollkommenen Genuß dieſer Dichtung kommen, ſo muß er eingeweiht werden in die eigenthümliche Compoſition derſelben, in die charakteriſtiſche Aufeinanderfolge der Begebenheiten, in die künſtleriſche Gruppirung.
Es kann natürlich hier nicht die Aufgabe ſein, alle vorkommenden Arten der Erläuterung aufzuzählen und darzuſtellen. Nur einzelne Beiſpiele können geliefert werden, um die Erläuterung,


