Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
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zeugniſſen gewährt, die geiſtige Kraft der Schüler entwickelt werden, insbeſondere ſoll dadurch Auffaſſungsvermögen, Urtheilskraft, äſthetiſches Gefühl ausgebildet werden, ſo daß ſie fähig werden, auch außer dem in den Unterrichtsſtunden Geleſenen anderes, was ihnen jetzt und ſpäter entgegen⸗ tritt, mit Verſtändniß und Gewinnſt zu leſen, Aechtes und Falſches, Schönes und Häßliches, Gutes und Schlechtes mit Sicherheit zu unterſcheiden, dem einen ſich ſympathiſch zuzuwenden, von dem andern antipathiſch ſich abzukehren.

Das iſt Ziel und Aufgabe für den Unterricht in Leſen und Literatur.

Es wird nun ſchwerlich beſtritten werden können, daß von den oben dargeſtellten Anſchau⸗ ungen aus conſequenter Weiſe Aufgabe und Ziel des Unterrichts ſo, wie geſchehen, präciſirt werden muß. Dagegen könnte man wohl bezweifeln, ob die Aufgabe nicht zu ſchwer geſtellt, das Ziel nicht zu hoch geſteckt ſei, ſei es für den Jugendunterricht überhaupt, ſei es fuͤr den Unterricht ſolcher Schüler, wie ſie thatſächlich im Seminar ſich vorfinden, insbeſondere. Soviel iſt aller⸗ dings richtig, daß man übertriebene Erwartungen nicht hegen darf. Es verhält ſich mit dem hier beſprochenen Unterricht nicht anders als mit ſonſtigem Unterricht auch. Der Erfolg desſelben hängt ab von gar vielen Umſtänden, über welche der Lehrer nicht Herr iſt. Dahin gehören z. B. Begabung, Vorbereitung, Fleiß, Beharrlichkeit der Schüler. Insbeſondere aber hängt die Erzielung von Auffaſſungsvermögen, Urtheil, Geſchmack u. dgl. ab von der Geſammtbildung und Geſammt⸗ entwickelung des Schülers. Kein vernünftiger Lehrer wird erwarten, daß bei einem im allgemeinen verkümmerten und verwahrloſten jungen Menſchen derlei Geiſtesvermögen durch den Unterricht in einer einzigen Disciplin entwickelt werden könnten. Das für den Seminarunterricht in dem beſprochenen Fach geſteckte Ziel kann natürlich nur erreicht werden, wenn die Schüler des Seminars in relativ normalen Verhältniſſen ſich befinden. Für relativ normal entwickelte Schüler aber iſt die Aufgabe nicht zu ſchwer, das Ziel nicht zu hoch.

Um das angegebene Ziel zu erreichen, dazu bedarf es eines dem Zweck des Unterrichts an⸗ gemeſſenen Unterrichtsplanes. Wir wollen nun die Art und Weiſe, wie der Unterricht betrieben wird, wenigſtens in ihren Grundlinien zu zeichnen verſuchen. Wir treten alſo jetzt an die directe Beantwortung der oben geſeellten Frage heran, der Frage: wie wird unterrichtet?

In dem Wackernagelſchen Leſebuch befindet ſich eine Anzahl leichterer Stücke, insbeſondere Proſaſtücke, die einer Erklärung von Seiten des Lehrers nicht bedürfen. Dahin gehören manche Erzählungen, Beſchreibungen ꝛc., wie ſie namentlich im erſten Bande der Sammlung enthalten ſind. Dieſe Leſeſtücke können einmal gebraucht werden zur Uebung im Vortragen, wovon weiter unten die Rede ſein ſoll. Sodann aber können ſie dazu dienen, die Schüler daran zu gewöhnen, daß ſie den Gedanken des Schriftſtellers raſch auffaſſen, beſtimmt feſthalten und correct wieder⸗ geben. Die ſehr zahlreiche Sammlung von Sinnſprüchen, Sprichwörtern und ſprichwörtlichen Redensarten wird benutzt, um die Schüler darin zu üben, daß ſie ungewöhnliche, bilderreiche, prägnante, acuminöſe Ausſprüche lernen verſtehen, umſchreiben, in die gewöhnliche Sprachweiſe überſetzen, Einſeitigkeit, Uebertreibung im Ausdruck erkennen und bei der Reproduction entfernen ꝛc. Bei dieſen letztgenannten Uebungen iſt eine bedeutendere Nachhilfe von Seiten des Lehrers nur im Anfang erforderlich. Bei manchen Gedichten, ſei es beſonders einfachen(z. B. Arndt's Morgen⸗ lied), ſei es beſonders zarten und feinen(z. B. Meeresſtille, Wanderers Nachtlied von Göthe) wird das Verſtändniß am beſten und einfachſten dadurch herbeigeführt, daß der Lehrer dieſelben in der rechten Weiſe vorlieſt.

Bei vielen Leſeſtücken dagegen, proſaiſchen wie poetiſchen, bedarf es einer ausführlichen Erläuterung. Man wird das unbedenklich zugeben für ſolche Leſeſtücke, welche zu ihrem Ver⸗ ſtändniſſe poſitive Kenntniſſe vorausſetzen, wie ſie der leſende Schüler nicht hat. Hier iſt die Nothwendigkeit einer Erläuterung denn auch in der That ſelbſtverſtändlich. Wir haben aber nicht bloß ſolche ſachlich erlänternde Erklärungen im Auge. Wir verſtehen unter der Erklärung, welche wir fuͤr nothwendig halten, auch u. a. die Entfaltung und Auseinanderlegung der Gedichte, das Aufweiſen der Form der Darſtellung, den Nachweis über den Gedanken und die Abſicht des Schriftſtellees. Gegen ein ſolches Unterrichtsverfahren erheben ſich aber nun die ernſtlichſten Einwendungen. Es muß in der That auch dieſen Einwürfen gegenüber vollſtändig zugegeben werden, daß mit ſolchen Erläuterungen ein großer Unfug getrieben worden iſt und noch getrieben wird. Dieſer von uns bereitwilligſt zugeſtandenen Thatſache gegenüber kann man ſich freilich einfach