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gehabt hat, außerordentlich gering. Ihr geiſtiger Horizont iſt allerdings etwas weiter als der ihrer Nachbarn, welche niemals von zu Hauſe weggekommen ſind. Aber in Bezug auf innere Bildung unterſcheiden ſie ſich von dieſen nicht; ſie ſind innerlich ſo roh geblieben wie ihre Nach⸗ barn auch. Muß man den daheim Gebliebenen nachſagen: ſie ſind unwiſſend, ſo kann man von den weit Gereiſten ſagen: ſie ſind blaſirt. Ganz dasſelbe Veehältniß findet ſich wieder bei den Menſchen, welche einen großen Leſeſtoff ſo im allgemeinen kennen gelernt, einen ungefähren Eindruck davon in ſich aufgenommen haben. Eine wirkliche innere Bildung gewährt dieſe Art von Lectüre nicht. Der geiſtige Horizont ſolcher vielbeleſenen Dilettanten iſt allerdings etwas weiter als der gewöhnlicher Menſchenkinder. Dafür aber ſehen ſie auf dem weiten Gebiet, über welches ſie hinblicken können, viel weniger genau als andere auf dem dieſen zugänglichen engeren Gebiet. Außerdem aber haben ſie bei ihrer Vielleſerei die Fähigkeit verloren, überhaupt auf etwas näher einzugehen, wiederholt darauf zurückzukommen, erſchöpfend es zu betrachten. Sie ſind mit einem Worte blaſirt geworden.
Will man dieſen falſchen, erfolgloſen, ja geradezu ſchädlichen Arten, Schriftſteller zu leſen, die rechte, fruchtbringende Art von Lectüre entgegenſtellen, ſo kommt es vor allen Dingen darauf an, feſtzuſetzen, von welcher Art von Leſern hier die Rede iſt. Es handelt ſich hier nicht um eigentliche Literatoren, welche aus der Erforſchung literariſcher Erſcheinungen ein gelehrtes Studium, einen Lebensberuf machen. Es iſt auch nicht die Rede von ſolchen, welche beſondere Begabung, Neigung, Erziehung und Umgang dahin führt, daß ſie die verſchiedenſten Gebiete der Literatur durchdringen und geiſtig beherrſchen. Wir haben vielmehr diejenigen im Auge, welche die un⸗ geheure Mehrzahl der Leſer bilden, diejenigen, welche in den Stunden der Erholung nach einem Schriftſteller greifen, welche durch den Umgang mit den bedeutendſten Schriftſtellern der Nation ihren Geiſt bilden wollen. Welche Art der Beſchäftigung mit den Erzeugniſſen der Literatur iſt für dieſe Leſer die rechte und fruchtbringende? Ohne Zweifel kommt es für ſie vor allem darauf an, daß ſie ihre Lieblingsſchriftſteller haben. Lieblingsſchriftſteller lieſt man aber⸗ und abermal, wie man edlen Wein immer wieder von neuem trinkt. Und man lieſt und hört das, was man oft geleſen und gehört hat, darum nicht etwa weniger gern. Gerade im Gegentheil. Die bekannte und vertraute Dichtung lieſt man erſt mit dem rechten Genuß. Durch oft wiederholtes Leſen, durch ein liebevolles Eingehen und inniges Verſenken in die fremde Darſtellung, durch ein gleichſam feierndes Ausruhen über der oft geleſenen Dichtung kommt man erſt dazu, die Eigenart und die eigenthümliche Schönheit eines dichteriſchen Kunſtwerkes vollkommen zu erfaſſen, geiſtig zu beherrſchen, ganz zu genießen. Iſt jemand gewöhnt, auf ſolche Weiſe zu leſen, ſo wird ihm nicht nur der Gehalt der geleſenen Dichtung zugänglich, der in derſelben niedergelegte Gedankenſchatz zu Theil, ſondern es wird auch in ihm ein Vermögen entwickelt, das unter anderen Umſtänden un⸗ entwickelt geblieben wäre. Er wird durch den beſtändigen Umgang mit ſeinen Lieblingsſchriftſtellern geübt und fähig, fremde Geiſtesſchöpfungen, wenn ſie ihm gegenüber treten, zu erfaſſen, ſie geiſtig zu bewältigen, Gutes und Schlechtes darin zu unterſcheiden, richtig darüber zu urtheilen. Mit anderen Worten ausgedrückt: die Lectüre der Lieblingsſchriftſteller weckt und bildet in der Seele des Leſers die Kräfte aus, welchen wir die Namen Auffaſſungsvermögen, geſundes Urtheil, äſthe⸗ tiſches Gefühl, guter Geſchmack zu geben pflegen.
Dieß ſind die allgemeinen Erfahrungen und Anſchauungen über richtige und falſche Art der Lectüre der Schriftſteller, von welchen wir ausgehen. Von hier ausgehend ſind wir im Stande, das Ziel und die Aufgabe für den Unterricht in Leſen und Literatur feſtzuſtecken. Oben wurde bereits der Leſeſtoff angegeben, wie er im Seminar innerhalb dreier Jahre durchgegangen wird. Dieſer Leſeſtoff iſt ausgewählt mit Rückſicht auf die Entwickelungsſtufe, den ganzen geiſtigen Habitus der Seminariſten. Es gilt nun, die Seminariſten in die nach dieſem Geſichtspunkt aus⸗ gewählten proſaiſchen und poetiſchen Stücke einzuführen, ihnen dieſelben nach Inhalt und Form zum Verſtändniß zu bringen, ſie dahin zu führen, daß ſie, ſoweit das die Fähigkeiten eines jeden geſtatten, das was der Schriftſteller in ſeiner Dichtung niedergelegt hat, für ſich herausfinden und ſich zu eigen machen. Die ausgewählten Stücke, wenigſtens die bedeutenden unter denſelben, ſollen außerdem den Schülern durch den Unterricht vertraut, zugleich aber auch lieb und theuer werden, ſo daß ſie gern zu ihnen zurückkehren und ſich mit ihnen geiſtig beſchäftigen. Dabei aber ſoll auch durch die Geiſtesübung, welche die Beſchäftigung mit den ausgewählten literariſchen Er⸗


