31
Es iſt übrigens vollſtändig naturgemäß, und es geſchieht in jedem Unterricht, der nicht ein bloßes Abrichten für eine praktiſche Thätigkeit iſt, daß der zu Unterrichtende, ſo weit es ſeiner geiſtigen Kraft angemeſſen iſt, mit den Gruͤnden bekannt gemacht wird, warum etwas ſo und nicht anders richtig iſt, daß man ihn das Gleichartige aus der Fülle der Erſcheinungen herauszufinden, das Ungleichartige auseinander zu halten lehrt, daß man ihn Geſetz und Regel in dem ſcheinbar Willkürlichen ſehen läßt. Ich wiederhole, es ſoll das nur ſoweit geſchehen, als es die Faſſungs⸗ kraft des Schülers zuläßt. Durch Künſtelei ſoll man dem Kinde nicht beibringen wollen, was über ſeinen Horizont geht. Angemeſſene grammatiſche Belehrungen werden den elementaren Sprach⸗ unterricht nicht erſchweren, ſondern im Gegentheil erleichtern. Erſt durch ſie bekommen die prak⸗ tiſchen Uebungen das rechte Reſultat. Wie wird z. B. Sicherheit in der Interpunktion zu erzielen ſein ohne einige Kenntniß des Satzbaues?
Aus dem Geſagten geht hervor, daß die Grammatik in der Elementarſchule nur eine dienende Stelle einzunehmen hat und nicht um ihrer ſelbſt willen betrieben werden ſoll. Deutſche Grammatik ſoll nur ſo weit in der Volksſchule gelehrt werden, als ſie unbedingt nöthig iſt zur richtigen Anwendung des Hochdeutſchen und als es die Faſſungskraft ihrer Schuͤler zuläßt.
Die Forderung, daß man die Grammatik auch in der Volksſchule eingehender und vollſtän⸗ diger behandeln müſſe, weil ſie trefflichen Stoff zur geiſtigen Gymnaſtik biete, kann keine Berück⸗ ſichtigung finden, weil die Volksſchule, wie ſie bis jetzt noch iſt, ja nur mit Mühe ihre zunächſt⸗ liegenden und wichtigſten Aufgaben löſt, alſo für mehr noch gar keinen Raum hat. Beſondere Uebungen im Denken ſind aber um ſo weniger nöthig, als die unbedingt nothwendigen Fächer, recht betrieben, hinlänglich Stoff zur Ausbildung des Denkens bieten. Beſondere Denkübungen ſind aber überhaupt nichts Empfehlenswerthes für die Schule, da die wenigſten Lehrer den Gefahren und Klippen entgehen dürften, die ein ſolcher Unterricht nothwendig haben muß.
Von dieſen Grundſätzen ausgehend werden nun alle Zweige des Sprachunterrichts in der Elementarſchule beſprochen. Zunächſt wird gezeigt, wie jede Unterredung mit den Kindern auch für die ſprachliche Ausbildung nutzbar gemacht werden kann. Beſondere Berückſichtigung findet das Erzählen von geeigneten Geſchichtchen. Dann wird der Leſeunterricht vorgenommen. Hier wird zuerſt der Unterſchied zwiſchen Buchſtabieren und Lautieren klar gemacht, darauf werden die verſchiedenen jetzt angewandten Methoden des Leſelehrens, ferner der weitere Gang des Leſe⸗ unterrichts behandelt. An den Leſeunterricht ſchließt ſich die Grammatik und die Orthographie an. Zur Veranſchaulichung, wie hier der Stoff zu vertheilen und ſonſt zu behandeln iſt, wird„der Leitfaden für den deutſchen Unterricht von A. Engelien“ Theil I und II und ‚die Ergebniſſe des grammatiſchen Unterrichts“ von A. Lüben benutzt. Endlich werden auch die ſtyliſtiſchen Uebungen in der Volksſchule beſprochen.
Dieſen Beſprechungen ſtehen ergänzend und ausführend zur Seite die 2 Stunden der prak⸗ tiſchen Unterrichtsübungen in der hieſigen Volksſchule, die unter meiner Leitung dem Sprach⸗ unterricht gewidmet ſind.
Von einer eingehenden Darſtellung der methodiſchen Behandlung der deutſchen Sprache in der Volksſchule muß hier abgeſehen werden, da dieſer Stoff nur in einer beſonderen größeren Abhandlung dargelegt werden könnte.
B
Meber den Unterricht in Leſen und Literatur. (III. Cl. 1. Abth. 2 St., 2. Abth. 2 St. II. Cl. 2 St. I. Cl. 2 St.) Von Seminarlehrer Stamm.
Wenn eine Beſchreibung des Unterrichts in Leſen und Literatur, wie er im Seminar er⸗ theilt wird, geliefert werden ſoll, ſo iſt vor allen Dingen die Frage zu beantworten: Was wird gelehrt? Wir beantworten dieſe Frage zuerſt in negativer Form. In den 2 für den Unterricht


