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nichts falſcher als die Anſicht, daß die Volksdialecte an und für ſich etwas Niedriges und Gemeines ſeien, nichts iſt thörichter und unverſtändiger, als ein Verachten der Volksdialecte.
(Siehe hierzu A. Schleicher die deutſche Sprache Seite 107 ff.)
Das Angegebene mag genügen, um zu zeigen, welche Erörterungen über die Entwickelung unſerer deutſchen Sprache in der 1. Klaſſe vorgenommen werden. Das ganze Kapitel gehört eigentlich in die Einleitung der Grammatik. Aus leicht begreiflichen Gründen wird dasſelbe aber nicht an den Anfang, ſondern an das Ende des ganzen grammatiſchen Unterrichtes geſtellt.— Es verſteht ſich von ſelbſt, daß das, was oben theilweiſe nur in ganz kurzen Sätzen angedeutet worden iſt, in dem Unterricht ſelbſt näher erläutert wird, und daß namentlich an die im Verlauf des ganzen grammatiſchen Unterrichts gelegentlich gegebenen einzelnen Bemerkungen angeknüpft und auf denſelben gefußt wird. Dieſe letzten Auseinanderſetzungen ſollen alſo eigentlich die Summe aus dem ganzen Unterricht ziehen.
Hierzu kommt in der oberſten Klaſſe endlich noch eine Beſprechung der Art und Weiſe, wie in der Elementarſchule der Sprachunterricht ertheilt werden ſoll. Mit derſelben Klaſſe werden auch die praktiſchen Uebungen im Unterrichten der deutſchen Sprache an Kindern der hieſigen Volksſchule vorgenommen.
3. Theoretiſche und praktiſche Einführung der Seminariſten in das Anterrichten der Mutterſprache innerhalb der Volksſchule.
Bei dieſer Einführung wird, beſonders was die Stellung der Grammatik zu dem übrigen Sprachunterricht betrifft, von folgenden Anſichten und Grundſaͤtzen ausgegangen.
Die Volksſchule hat ihre Schüler das Hochdeutſche zu lehren, d. h. ſie zu befähigen, daß ſie Geſprochenes und Geſchriebenes, das ihnen nach ihrem Alter und ihrer ganzen Bildungsſtufe zugänglich iſt, verſtehen, und ferner, daß ſie ſich ſelbſt in der hochdeutſchen Sprache mündlich und ſchriftlich möglichſt richtig auszudrücken vermögen. Dies Ziel muß die Volksſchule vorzugsweiſe durch praktiſche Uebungen zu erreichen ſuchen. Der Lehrer hat an den Dialect der Kinder anzu⸗ knüpfen, ſie dann aber in das Hochdeutſche einzuführen, indem er dem Kinde überall ſtatt der von ihm gebrauchten dialectiſchen Ausdrücke und Wendungen die hochdeutſchen zum Gebrauche gibt.
Sehr hüten muß er ſich hierbei, daß er nicht durch allzufrühes und allzuſtrenges Halten auf richtige hochdeutſche Sätze die Kinder ſo einſchüchtert, daß ſie überhaupt keine naturwüchſigen Antworten mehr geben, und daß ſie grade deshalb, weil ſie ängſtlich bemüht ſind, richtig hoch⸗ deutſch zu antworten, das Allerfalſcheſte und Geſchmackloſeſte zu Tage bringen. Daß die Kinder durch die pedantiſchen, ſchulmeiſterlich gedrechſelten Sätze, die ihnen häufig ſtatt ihrer eigenen natürlichen und oft viel beſſeren Antworten, zum Nachſprechen gegeben werden, nicht eine gute Ausdrucksweiſe im Hochdeutſchen lernen, brauche ich nicht weiter auszuführen. Vor der Gefahr in maniriertes, gekünſteltes Sprechen zu verfallen, kann ſich aber der Lehrer grade durch ein fortwährendes liebevolles Beobachten der naiven Ausdrucksweiſe ſeiner Schüler bewahren. Er muß ſich beſtändig gegenwärtig halten, daß es lange nicht ſo ſchlimm iſt, wenn die ihm anver⸗ trauten Kinder etwas weniger correct hochdeutſch ſprechen, als wenn er ſie um die Freiheit und Ungezwungenheit im Ausdruck bringt.
An der Löſung der ſprachlichen Aufgabe hat der Lehrer nicht bloß in dem beſonderen ſprachlichen Unterricht, in der Leſe⸗ und Schreibſtunde, ſondern in allen ſeinen Unterrichtsſtunden zu arbeiten. Durch die mannigfachſten Uebungen ſoll er es dahin zu bringen ſuchen, daß ſeine Schüler das ſprachlich Falſche, was ihnen entgegentritt, als ſolches empfinden.
Doch die Ausbildung des Sprachgefühls durch bloße praktiſche Uebungen reicht nicht hin zu einer einigermaßen ſicheren Handhabung der Sprache. Die Schule kann der theoretiſchen Belehrungen über die Sprache, der Grammatik nicht entbehren. Es gibt allerdings Menſchen, die nie deutſche Grammatik getrieben haben, und die dennoch im mündlichen wie ſchriftlichen Gebrauch des Hochdeutſchen ſicher ſind. Allein dieſe haben jedenfalls bei weitem mehr Uebung gehabt, als ſie die Volksſchule ihren Schülern, die ſie ja ſchon im 14. Jahre verlaſſen, zu bieten vermag, oder ſie haben eine fremde Sprache gelernt.


