Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
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In dem eigentlichen Deutſchland ſonderte ſich das Deutſche in 2 große Gruppen, in das Niederdeutſche und das Ober⸗ oder Hochdeutſche.

Zu dem Niederdeutſchen, im Norden und Nordweſten von Deutſchland, gehört das Alt⸗ ſächſiſche, aus dem ſich das Plattdeutſche und Holländiſche entwickelt haben; das Angelſächſiſche, woraus unter Beimiſchung romaniſcher Elemente das Engliſche entſtanden iſt, und das Frieſiſche.

Das Hochdeutſche, alſo die Sprache des ſüdlichen Deutſchlands, iſt die eigentliche Trägerin unſerer deutſchen Literatur geworden. In der Entwickelung desſelben haben wir 3 Perioden zu unterſcheiden. Die erſte Periode, die Periode des Althochdeutſchen, rechnet man vom 7. bis zum Ende des 11. Jahrhunderts. Die zweite, die Periode des Mittelhoch⸗ d eutſchen, geht vom Anfange der Kreuzzüge bis zum 16. Jahrhundert. Die dritte endlich, die Periode des Neuhochdeutſchen, geht vom Anfang des 16. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Im Althochdeutſchen hat ſich noch keine einheitliche Schriftſprache entwickelt, ſondern in den uns aus jener Zeit erhaltenen Schriftſtücken haben wir ſtets den Dialect des Schreibenden vor uns. Im Mittelhochdeutſchen entwickelte ſich dadurch eine allgemeinere Sprache, daß vorzugsweiſe die ſchwäbiſche Mundart durch den Einfluß der Hohenſtaufen zur Sprache des Hofes und einer bedeutenden Literatur wurde. Am reinſten iſt dieſe Sprache in den großen Dichtungen des 13. Jahrhunderts erhalten. Mit dem Verfall der Literatur hörte aber auch wieder der Gebrauch dieſer Schriftſprache auf, und jeder Schriftſteller ſchreibt nun wieder in ſeinem Dialect. Erſt ſeit Luthers Bibelüberſetzung bildete ſich unſere jetzige Schriftſprache, die, von den Volksdialecten unterſchieden, als die Bücherſprache und die Sprache der Gebildeten dem ganzen Volke gemeinſam iſt.

Daß Luther nicht der eigentliche Schöpfer dieſer Sprache iſt,(denn keine Sprache kann von einemn Menſchen willkürlich gemacht werden) ſagt er ſelbſt:Ich habe keine gewiſſe, ſonderliche, eigene Sprache im Deutſchen, ſondern brauche der gemeinen deutſchen Sprache, daß mich beide, Ober⸗ und Niederländer, verſtehen mögen. Ich rede nach der ſächſiſchen Kanzelei, welcher nachfolgen alle Fürſten und Könige in Deutſchland. Alle Reichsſtädte, Fürſten⸗Höfe ſchreiben nach der ſächſiſchen Kanzelei. Darum iſts auch die gemeinſte deutſche Sprache. Wenn aber auch Luther nicht der eigentliche Schöpfer der hochdeutſchen Schriftſprache iſt, ſo hat er doch durch ſeine Schriften und beſonders durch ſeine Bibelüberſetzung jener gemeinen deutſchen Sprache, die ſich im Verkehr der Fürſten unehanendfr und mit ihren Unterthanen gebildet hatte, immer allgemeiner werdende Geltung verſchafft.-

Unſere jetzige Schriftſpraͤche, die wir jetzt kurzweg die hochdeutſche nennen, iſt alſo eine auf Grund der oberdeutſchen Mundarten weſentlich durch den ſchriftlichen Gebrauch ſelbſt ent⸗ ſtandene Sprache. Ihr Werth für uns liegt darin, daß ſie die allen deutſchen Stämmen gemeinſame Sprache der öffentlichen Verhandlungen, der Kirche und der Schule, der Wiſſenſchaft und der Kunſt, ſowie des geſchäftlichen Verkehrs iſt, die Sprache, in der ſich alle Gebildeten verſtehen, wenn ſie auch nirgends ohne ſtärkere oder ſchwächere mundartliche Färbung geſprochen wird. Wer Theil nehmen will an dem geiſtigen Leben, ja überhaupt an dem öffentlichen Leben unſerer Nation, der muß das Hochdeutſche lernen. Deshalb würde die Schule nicht das leiſten, was von ihr verlangt werden muß, wenn ſie, wie dies ſchon vorgeſchlagen worden iſt, ihre Zöglinge überall nur in der betreffenden Mundart unterrichtete; ſie wuürde darauf hinarbeiten, daß das feſteſte einigende Band der deutſchen Stämme verloren ginge.

Die Volksdialecte, die neben unſerer gemeinſamen Schriftſprache im Gebrauch ſind, ſind, wie dies aus der obigen Entwickelung hervorgeht, nicht etwa die auf verſchiedene Weiſe verſchlechterte Schriftſprache, ſondern ſie ſinddie naturwüchſigen, nach den Geſetzen der ſprachlichen Ver⸗ änderungen gewordenen Formen der deutſchen Sprache. Wie eine Pflanze ſich ohne äußeres Zuthun nach den in ihr liegenden Geſetzen entwickelt, ſo nimmt auch die Sprache im Munde des Volkes, ohne daß die dieſelbe Sprechenden ſich deſſen bewußt wären, ihren naturgemäßen Verlauf. Grade dieſe Natürlichkeit, die fern von aller überlegten Künſtelei iſt, gibt den Volksdialecten die Kraft und Friſche und Fülle, deren das Hochdeutſche mehr oder weniger entbehrt. Das letztere bedarf deshalb fortwährend der Bereicherung und Belebung durch die Volksdialecte, denn als eine weſentlich auf dem Papier entſtandene,mehr oder minder ſchulmeiſterlich geregelte und zugeſtutzte Sprache iſt ſie beſtändig in Gefahr, immer ärmer und unnatürlicher zu werden. Es iſt alſo