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„ Dieſe Sprachbildung erſcheint nun in dreifacher ſtufenweiſer Hinſicht:
I, als Organenbildung oder Ubung der Fertigkeit der Organe im richti⸗ gen Ausdruck der Sprachtoͤne;*
II. als Entwicklung der ſubjectiven geſetzlichen Sprachfaͤhigkeit oder der Faͤhigkeit, in der Sprache das Organ fuͤr den geiſtigen Ausdruck und durch die Sprache das Mittel fuͤr die Geiſtesbildung zu finden. Sprachzeichenlehre ſchließt ſich an;
III. als Unterricht in der Sprachlehre, wo die Sprache objectiver Gegen⸗ ſtand der Reflexion wird.
I. Die Bildung der organiſchen Fertigkeit fuͤr richtige Ausſprache fͤllt freilich in eine fruͤhere Periode. Da aber in dieſer fruͤhern Entwicklungs⸗ periode oft zu wenig dafuͤr geſchieht, ſo muß der Lehrer uͤberall darauf Ruͤck⸗ ſicht nehmen, und das um ſo mehr, da die Organe in ſpaͤtern Jahren ihre Bicdſapikeit verlieren, und die falſche Ausſprache unmerklich zur Gewohnheit wird*).
*) Sagt doch ſchon Cicero: ⸗Magni interest, quos quisque audiat quotidie domi, quibus- cum loquatur a pucro, quemadmodum patres, pæedagogi, matres etiam loquantur. Legimus epistolas Corneliae, matris Gracchorum; apparct, filios non tam in Bremio educatos, quam in sermone matris.-
Prutus, sive de clar. orat. cap. 3.
Intereſſant iſt es überhaupt, zu wiſſen, wie die Alten über Erziehung und unterricht dachten. Unter den griechiſchen Weiſen ſpricht ſich hieruͤber vor Allen der unſterbliche Ur⸗ heber der Ideenlehre, Plato, den das Alterthum mit Recht„den Goͤttlichen“ nannte, vortrefflich aus in ſeinen Buͤchern von den Geſetzen und von der Republik; ferner Sokra⸗ tes würdiger Schuͤler, Fenophon, in ſeinen Denkwuͤrdigkeiten, beſonders im 2. u. 4. Buche; ſodann Alexanders großer Lehrer, Ariſtoteles, unſterblich, wie ſein Schuͤler, nicht mit Unrecht„der Fuͤrſt der Philoſophen des Alterthums“ genannt, in ſeiner Ethik und vorzüglich in ſeiner Politik, z. B. 8. B. 1. Cap.„rt Ley ouy 16, vonoSeTn d⁴νιοστια πραmς eντrso eol Tiv T„cον παι8εtαωmό, odSelg d d*ροο Burigets.“ xα. T. X. 7. B. 17. Cap. uͤber die erſte körperliche Erziehung, 8. B. 4. Cap. uͤber die Tendenz alles Unterrichtes, und im 5. bis 7. Cap. uͤber die Muſik und ihre bildende Kraft; und endlich Plutarch in ſeiner Abhandlung uͤber die Erziehung vorz. im 7. und 13. Cap. Unter den Römern werde vor Allen der mit ſchnoͤdem Undank be⸗ lohnte große„Vater des Vaterlandes“ genannt, wie er ſich uͤber wiſſenſchaftliche Bildung in ſeiner trefflichen, von den zarteſten Gefuͤhlen der Pietaͤt durchweheten Rede für ſeinen ehemaligen Lehrer Archias, ſowie in ſeinen rhetoriſchen Schriften, vorzuͤglich de oratore ad OQ. fratrem, Brutus, sive de clar. orator. u. orator ad M. Brutum ausſpricht; fer⸗ ner Seneca(ſo wie Vieles, ſo verdanke ich auch das Studium dieſes Schriftſtellers den Winken unſers verſtorbenen, auch fuͤr die Schule hochbegeiſterten ev. Landesbiſchofs, Dr. Muͤller, der, bekanntlich fruͤher ſelbſt Lehrer, mich Jahre lang ſeines belehrenden, väter⸗ rich⸗freundſchaftlichen Umgangs wuͤrdigte. Ich kann hier dieſe offene Außerung der Pietaͤt nicht unterdruͤcken) in ſeinen Abhandlungen von der Standhaftigkeit des Weiſen, vom Zorne, von der Wohlthäͤtigkeit, vorzuͤglich im 6. B. 16. Cap. das rechte Verhaͤltniß des Lehrers zum Zoͤgling darſtellend, von der Gelindigkeit; ferner Quintilian, der alte Praktikus,
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