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dieſe ungluͤckliche Trennung von Form in dem Unterrichte oder bezweckter Gei⸗ ſtesbildung und Materie oder bezweckter Erlernung eines Lehrgegenſtandes er⸗ zeugte ſich dann jene materiale Methode, welche die Kraft des Lehrlings nicht mehr zum Gegenſtande hatte, ſondern allein an das Auffaſſen des Stoffes um des Seoffes willen dachte. Es iſt aber unlaͤugbar, daß viele Lehranſtalten in neneren Zeiten ſich allmaͤhlig von dieſer Mechanik mehr oder weniger ent⸗ fernten und ſich der bildenden Methode zuwendeten. 1
Aus inniger Überzeugung halte ich naͤmlich diejenige Lehrart fuͤr ganz vorzuͤglich, deren Idee durch die originellen Bemuͤhungen jenes beruͤhmten Schweizers, der uͤberall die Erziehung in dem Erſten und Tiefſten des Men⸗ ſchen aufſuchte, beſtimmt erfaßt und dann durch ſo viele treffliche Maͤnner weiter entwickelt und berichtigt wurde. Durch dieſe bildende Methode wird der Unterricht ein weſentlicher Theil der Erziehung zur Humanitaͤt. Das
Beſen dieſer Methode ſetze ich in diejenige eigenthuͤmliche Beziehung auf den menſchlichen Geiſt, vermoͤge deren ſie bei dem Unterrichte uͤberall darauf aus⸗ Phr⸗ den Zoͤgling zur Selbſtſtaͤndigkeit freier, mit Bewußtſeyn entwickelter
eiſteskraͤfte hinzuführen. Mithin ſucht ſie von den erſten Anfangspuncten aus die Seele ſo kraͤftig, als die geiſtige Individualitaͤt erlaubt, anzuregen und an Klarheit in Anſchauung und Begriff zu gewoͤhnen, dann durch Ver⸗ ſetzen in den Zuſtand ſelbſtthaͤtiger Erzeugung entweder des Stoffes und ſeiner
Form, wo der Lehrſtoff ſelbſt formal iſt, oder wenigſtens der Form, wenn der
toff real iſt, die Seele zu einem immer beſtimmtern Bewußtſeyn ihrer Kraͤfte, die Kraͤfte ſelbſt aber, eben durch jenen Act ſelbſtthaͤtiger Production, zu im⸗ mer hoͤherer Vollendung auszubilden. Nur durch dieſe Methode wird jedes Wiſſen des Menſchen unverlierbares Eigenthum, weil er es ſelbſt erzeugt, well er, um mit Peſtalozzi zu reden,»es nicht erlernt, ſondern erlebt hat;⸗ nur durch ſie wird jede ſeiner Geiſteskraͤfte wahrhaft gebildet, weil er ſie in ſelbſtthaͤtigem Bewußtſeyn entwickelt hat.»Der Geiſt,« ſagt Blaſche in ſeinem trefflichen Handbuch der Erziehungswiſſenſchaft, 2. Abſchn.,»hat oder beſitzt nichts, gewinnt und erwirbt nichts, als was er aus ſich ſelbſt ſchafft.« Dieſe bildende Tendenz beſtimmt genau eben ſo den Lehrgang, wie die Lehrform.
a) Der Lehrgang dieſer Methode kann nur in einer ſolchen Anordnung des Stoffes beſtehen, wie ſie den Geſetzen der allmaͤhligen Entwicklung der Geiſteskraft angemeſſen iſt; er moͤge immer als ein durch innere Gruͤnde be⸗ dingtes Fortſchreiten vom Einfachern zum Zuſammengeſetzten, vom Leichten zum Schwerern, vom Concreten zum Abſtracten, vom Einzelnen zum Allgemei⸗ nen, von der Sache zum Wort, von der Anſchauung zum Begriff in luͤckenlo⸗ ſer Reihenfolge erſcheinen.——
b) Die Lehrform aber iſt eine Hinleitung des Lehrlings zu ſelbſtthaͤtiger Auffaſſung und Verarbeitung des alſo angeordneten Stoffes. Die Lehrform iſt demnach die heuriſtiſche, mag ſie rein heuriſtiſch in Aufgaben, oder erote⸗ matiſch in der Katecheſe erſcheinen. Nur fuͤr die oberſte Stufe der Gymna⸗
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