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Zugleich iſt Kleiſt wie in dieſen Berliner Tagen ſo auch in ſeiner ganzen letzten Lebensperiode von Königsberg an raſtlos in ſeiner Kunſt, „von der er nicht laſſen kann“, tätig. Der zerbrochene Krug, Amphitryon, Pantheſilea, Kätchen, die Hermannsſchlacht, der Prinz von Homburg, die Erzählungen, vor allem Michael Kohlhaas, ein zweibändiger Roman, der verloren iſt, alle dieſe Werke ſind in dieſen ſechs Jahren entſtanden, wo der Dichter zugleich eine ſo lebhafte politiſche Agitation betrieb, und mit Staunen und Bewunderung ſtehen wir vor der faſt unglaublichen Fruchtbarkeit des Kleiſtſchen Genius. Alle dieſe Werke des Dichters müſſen bei der Schulbehandlung in den richtigen Zuſammenhang ein⸗ gefügt werden, und von den geleſenen Dichtungen müſſen auch die Grundgedanken, die mit des Dichters Lebensanſchauungen ſo eng zu⸗ ſammenhängen, nochmals zuſammengefaßt werden, ſodaß die Biographie Kleiſts ſeine Schöpfungen wie ein einheitliches Band umſchließt. Da⸗ bei wird man die Gelegenheit benutzen, Kleiſt nach ſeiner Eigenart unter die Dichter ſeiner Zeit einzureihen. Wenn er in Schulbüchern gewöhn⸗ lich ſchlechtweg zu den Romantikern gezählt wird, ſo iſt das falſch. Wohl hat er manche Berührungspunkte mit ihnen;(cf. E. Schmidt. Kleiſts Werke. Bd. 0 S. 30 ff.) aber er ſteht ihnen wie Goethe und Schiller völlig eigenartig gegenüber; er iſt Realiſt und Individualiſt. Er ſtrebt nicht ſowohl nach Schönheit als nach Wahrheit.„Er ahmt die Natur nach, aber nicht die ordinäre Wirklichkeit, ſondern die Natur in ihren großen Erſcheinungen, ja in ihren extremen Gebilden“(Scherer, Lite⸗ raturgeſchichte S. 693). Seine Charaktere enthüllen ſich uns als wirk⸗ liche Menſchen, in ihrer Stärke und Schwäche und zeigen ſich uns auch in ihren äußerſten Affekten.
Eine ſchwierige Schlußaufgabe der Schulbehandlung von Kleiſts Leben beſteht darin, des Dichters Selbſtmord in das richtige Licht zu ſtellen. Das entſcheidende Motiv für dieſen unſeligen Entſchluß des erſt vierunddreißigjährigen Mannes war die verzweifelte Lage, in die. er als Patriot geriet. Als im Herbſt des Jahres 1811 der Angriff Napoleons auf Rußland drohte, verlangte die preußiſche Kriegspartei den Anſchluß Preußens an Rußland. Kleiſt bot durch den ihm perſön⸗ lich naheſtehenden Gneiſenau dem König ſeine Dienſte als Offizier an und erhielt auch die Zuſicherung der Wiederanſtellung im Heere. Plötz⸗ lich aber änderte ſich die politiſche Lage, Preußen ſchloß ein Bündnis mit Napoleon, und Kleiſt ſtand vor der Notwendigkeit, für Napoleon den Degen ziehen zu müſſen. Welche fürchterliche Zwangslage war das für eine ſo ſtolze und entſchiedene Natur wie Kleiſt! Dazu kam, daß er ſeit dem Eingehen der Abendblätter mit der gemeinen Not des Lebens zu kämpfen hatte und nicht einmal mehr ſoviel Geld hatte, um ſich die Offiziersausrüſtung zu beſchaffen, daß auch ſeine Familie ſich von ihm abwandte und weitere Unterſtützung ab⸗


