Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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Zuſammenbruch des preußiſchen Staates, machte ſeinen kosmopoltiſchen Schwärmereien ein Ende, wandelte ihn zum nationalen Kämpfer um und erfüllte ihn mit ingrimmigem Haſſe gegen den fremden Unter⸗ drücker. Von nun an beherrſcht der nationale Gedanke und das patrio⸗ tiſche Gefühl ſein ganzes Leben und Streben und äußert ſich bei der Tiefe und Konſequenz ſeines Charakters mit gewaltiger Kraft und Leidenſchaft.

Die Schulbehandlung wird dieſe Zeit der Reife, in der Kleiſt als nationaler Dichter und Agitator mitten im bewegteſten Leben ſeiner Zeit ſtand, eingehend durchnehmen müſſen, und die Schüler werden einer friſchen und warmen Erzählung über Kleiſts patriotiſche Bemüh⸗ ungen mit Intereſſe und Begeiſterung folgen. Man muß den Jungen berichten von Kleiſts Reiſe von Königsberg nach Berlin, ſeinen Bezieh⸗ ungen zur Königin Luiſe, ſeiner Gefangennahme durch die franzöſiſche Polizei, ſeinem Dresdener Aufenthalt und ſeiner Teilnahme an einem Patriotenbunde, ſeiner Reiſe nach Böhmen, den flammenden Hoff⸗ nungen, die ihn nach dem Siege bei Aſpern beſeelten, und der furcht⸗ baren Niedergeſchlagenheit, die ſich ſeiner nach der Wagramer Nieder⸗ lage bemächtigte. Beſondere Aufmerkſamkeit wird man dem letzten Anufenthalt Kleiſts in Berlin(1810/11) ſchenken müſſen, über den R. Steigs bedeutſames Werk(H. v. Kleiſts Berliner Kämpfe. Spemann. Berlin 1901) ſo helles Licht verbreitet hat. Während man bis zum Erſcheinen dieſes Buches der Anſicht war, daß die Berliner Tage unter dem Zeichen geiſtigen Verfalles geſtanden hätten, der Dichter zu ge⸗ ſchloſſenen Kompoſitionen keine Kraft mehr beſeſſen, nur ein armſeliges Winkelblatt redigiert habe und ſchließlich immer tiefer geſunken ſei, bis er zur Piſtole gegriffen habe, hat Steig, auf ausgedehntes urkundliches Material geſtützt, die ganze große, umfangreiche Tätigkeit Kleiſts in dieſer Berliner Zeit aufgedeckt und nachgewieſen, daß Kleiſt arbeits⸗ und lebensfreudig mitten im politiſchen und geiſtigen Leben der Haupt⸗ ſtadt ſtand und in hohem Grade ſchriftſtelleriſch und poetiſch tätig war, ein Bild unverwüſtlicher, aufſteigender Schaffenskraft.

Kleiſt gehörte der preußiſchen Kriegspartei an und war Mit⸗ glied der chriſtlich⸗deutſchen Tiſchgeſellſchaft, die die bedeutendſten Männer Berlins, namentlich den Kreis der Romantiker, umfaßte. Er leitete die Redaktion derBerliner Abendblätter, die nicht ein Winkel⸗ blatt waren, ſondern in kurzem die verbreiteteſte, auch vom Könige geleſene, Zeitung wurde, und die für Religion, Königtum und Vater⸗ land als die heiligſten Güter ſtritt. Aber Kleiſt geriet über Fragen innerer Reformen mit dem Staatskanzler Hardenberg in einen heftigen Konflikt, und die rückſichtsloſe Anwendung der Zenſur richtete ſchließlich ſeine Zeitung zu Grunde. So blieb Kleiſt auch jetzt der Kampf nicht erſpart, und wiederum tritt er uns hier als unermüdlicher, ritterlicher Streiter für ſeine Ideale entgegen.