9
(Rahmer) mit ebenſo reicher Sachkenntnis wie tiefem äſthetiſchen Ver⸗ ſtändnis das Kleiſtproblem unterſucht worden iſt, kann dieſe Anſicht nicht mehr gehalten werden. Wohl hat Kleiſt eine ſchwere Sturm⸗ und Drangperiode durchmachen müſſen(1800— 1804, von der Würzburger Reiſe bis zu ſeinem Aufenthalt in Königsberg), einen Lebensabſchnitt, in dem er ruhelos umherreiſte und ernſte Kämpfe ausfechten mußte um Geſundheit, Lebensberuf und ſeeliſches Gleichgewicht, und der ge⸗ kennzeichnet iſt durch jähe Kriſen; aber es iſt verfehlt, auf Grund dieſer Lebensperiode den ganzen Menſchen pathologiſch zu betrachten. Jeder denkende Menſch hat ſolche Jugendkämpfe zu beſtehen, ehe er ſich mit dem Leben zurechtfindet, das Genie in erhöhtem Maße. Schillers Leben in der Zeit vor 1789 hat verzweifelte Ähnlichkeit mit dieſer Periode in Kleiſts Entwicklungsgang. Wie Schiller hat ſich auch Kleiſt hindurch⸗ gerungen.
Man braucht bei der Schulbehandlung dieſen Lebensabſchnitt durchaus nicht zu unterdrücken. Man wird vielmehr mit ſeiner Dar⸗ ſtellung, wenn man den rechten Ton zu treffen verſteht, einen tiefen Eindruck in den jungen, empfänglichen Gemütern hinterlaſſen. Wie ergreifend iſt des Dichters heißes Bemühen um einen„Lebensplan“, auf den er ſein Grück gründen möchte! Wie bedeutſam iſt grade in dieſer Periode das Erwachen des dichteriſchen Genius in ihm! Wie erſchütternd dann das Ringen um den„Robert Guiskard“, das ſo tragiſch mit dem körperlichen und ſeeliſchen Zuſammenbruche endigt! Mit der ganzen Glut ſeiner Seele hat er ſich auf dieſen Stoff geworfen, monatelang arbeitet er unausgeſetzt an dieſer Tragödie großen Stiles. Aber was er zuſtande bringt, entſpricht nicht dem hohen Bilde der Voll⸗ kommenheit, das ihm vorſchwebt, da vernichtet er das Werk und möchte auch das Leben von ſich werfen. Der ganze Schmerz über dieſe Ent⸗ täuſchung kommt in zwei Briefen an ſeine Schweſter Ulrike zum Aus⸗ druck(Kleiſts Werke, Bd. 5, S. 299 ff), die man mit Recht herrliche Gedichte in Proſa genannt hat, und die den Schülern nicht vorenthalten werden dürfen.
Kleiſt hat die ſeeliſchen Kämpfe, Schwankungen und Verirrungen ſeiner Sturm⸗ und Drangperiode ſiegreich überwunden, und in dem letzten Abſchnitt ſeines Lebens, dem Höhepunkte ſeines Werdeganges, (1805— 1811) tritt er uns entgegen als eine in ſich gefeſtigte, ziel⸗ bewußte Perſönlichkeit von großer Herzensgüte, tiefem ſittlichen Ernſt, hohem Streben und erſtaunlicher Arbeitsfähigkeit. Aber auch dieſe Periode iſt ein andauernder heißer Kampf, nicht mit ſich ſelbſt, ſondern mit der Welt und den ihn umgebenden Verhältniſſen, in denen er mit Tapferkeit und Willenskraft zu wirken und ſeine Ideale zu verwirk⸗ lichen ſtrebte. In Königsberg 1805—1806 vollzog ſich der folgen⸗ ſchwerſte Umſchwung in des Dichters Inneren. Die Not der Zeit, der


