Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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deutender Literaturwerke wurzelt und gipfelt. Bei unſeren großen Schriftſtellern aber haben wir die Pflicht, unſern Schülern auch den Zuſammenhang zwiſchen ihrem Leben und ihren Werken darzulegen. Jedoch iſt es nicht ratſam, die Lebensbeſchreibung eines unſerer großen Dichter als Einleitung in die Lektüre eines ihrer Werke zu geben, ſon⸗ dern man reiht am vorteilhafteſten an die Behandlung der Werke die biographiſche Abrundung an, ſodaß ſich in dem Lebensbilde des Dich⸗ ters die Werke in einer Einheit zuſammenſchließen.

Außer Schiller und Goethe verdient es keiner der Großen unſerer Literaturgeſchichte auch nach ſeiner Perſönlichkeit und ſeinem Leben und Streben ſo ſehr, der Jugend bekannt und vertraut zu werden als H. von Kleiſt, und keines Dichters Lebensbeſchreibung wird tieferen und nachhaltigeren Eindruck auf die jugendlichen Gemüter machen als die ſeinige. 5

Schon in Unterſekunda ſind bei der Behandlung der Freiheits⸗ dichter biographiſche Notizen über Kleiſt gegeben worden, namentlich iſt über ſeine patriotiſchen Bemühungen und ſeine Teilnahme an der Bewegung gegen Napoleon berichtet worden. In Unterprima wird dann im Anſchluß an die Lektüre des Prinzen von Homburg ein ein⸗ gehendes und abgerundetes Lebensbild gegeben.

Nun hat bei keinem großen Dichter der neueren Zeit die Forſch⸗ ung ſoviel neue Reſultate über den Lebens⸗ und Werdegang zu Tage gefördert und ſo viele überlieferte Einzelheiten als falſch erwieſen, und bei keinem hat ſich infolgedeſſen auch die Geſamtanſchauung der Wiſſen⸗ ſchaft ſo gewandelt wie bei H. v. Kleiſt. Deshalb kann die Schule an der neueren Kleiſtforſchung nicht achtlos vorübergehen. Sie wäre rück⸗ ſtändig, wenn ſie das täte. Sie würde der Jugend ein falſches Bild eines unſerer Geiſtesheroen ins Herz prägen, wenn ſie die Schüler auf Grund von einer der älteren Kleiſtbiographien, etwa der von Bülow oder Wilbrandt oder Brahm, mit des Dichters Leben bekannt machte. Vielmehr muß die neuere grundlegende Kleiſtforſchung(von Steig, Rahmer, E. Schmidt, Minde⸗Pouet, Wukadinowie u. a.) auch in der höheren Schule verwertet werden, und das Lebensbild des Dichters muß in der Prima mit voller Berückſichtigung der neueren Reſultate der Wiſſenſchaft gegeben werden.

Der richtigen Würdigung Kleiſts hat nichts mehr im Wege geſtan⸗ den als das unverſtändliche und ungerechte Urteil Goethes(cf. Rahmer a. a. O. S. 2537, wo die Beziehungen Kleiſts zu Goethe am voll⸗ ſtändigſten behandelt ſind.). Unter dem ſuggeſtiven Einfluß Goethes haben alle älteren Kleiſtbiographen den Dichter als einen erblich Be⸗ laſteten und pſychiſch Geſtörten angeſehen und überall in ſeinem Leben die Spuren geiſtiger und ethiſcher Anomalie zu finden geglaubt. Nach der neueren Forſchung aber, beſonders ſeitdem auch von ärztlicher Seite