Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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die Charaktereigenſchaften der einzelnen Perſonen zu einem Geſamt⸗ bilde zuſammentragen läßt. Vor allem natürlich des Titelhelden! Wie in Granit gemeißelt, ſteht er vor uns, verſtändlich bis in die Falten ſeines Herzens. Er iſt der Träger der Idee, deſſen Charakter durch die Biederkeit und das unendlich feine Rechtsgefühl das Gepräge erhält. Wie herrlich iſt in der Lutherſzene die Geſtalt des Reformators ge⸗ zeichnet, ſchlicht zugleich und doch wuchtig! Trefflich heben ſich auch die Gruppen der Nebenperſonen von einander ab, die der Anhänger Kohl⸗ haaſens und die der Adligen. In dieſer ſind wieder mit feinen Unter⸗ ſchieden gegen einander abgegrenzt die Raubritter, die Hofjunker, die Staatsbeamten und die Fürſten ſelber; in jener ſind beſonders gelungen die rührende Geſtalt der Frau Lisbeth, der treue, biedere Herſe, der Lump Nagelſchmidt und der ungeſchlachte Abdecker von Döbeln.

Wie die Charakteriſtik trefflich durchgeführt iſt, ſo iſt auch der epiſche Stil Kleiſts meiſterhaft zu nennen. L. Tieck meinte, Kleiſts Talent entfalte ſich in der darſtellenden Proſa vielleicht noch glänzender als im Drama. Wenn man dieſe Anſicht auch nicht teilen kann, ſo er⸗ kennt man doch ſofort, daß Kleiſt einen eigenartigen, völlig ſelbſtändigen, von allen Vorbildern ſeiner Zeit unabhängigen Novellenſtil ausgebildet hat.(Vgl. Minde⸗Pouet a. a. O. S. 65 ff.) Der Grundzug dieſes Stiles iſt Sachlichkeit und Objektivität. Bezeichnend für ſeine Art iſt ſchon der Eingang unſerer Novelle. In knappen Sätzen wird ganz ſachlich zunächſt Ort und Zeit angegeben, die Hauptperſon vorgeſtellt und durch einen kurzen Zuſatz das Ziel bezeichnet:An den Ufern der Havel lebte um die Mitte des 16. Jahrhunderts ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeiſters, einer der rechtſchaffenſten zugleich und entſetzlichſten Menſchen. Und dieſem Ziele geht der Dich⸗ ter nun unbeirrt entgegen, ohne Abſchweifungen, ohne Epiſoden, nur Tatſache auf Tatſache berichtend. In dieſer Sachlichkeit liegt der Grund, daß der Dichter ſtets das Imperfektum anwendet, und daß er, der in ſeinem Drama eine ſo glänzende und bilderreiche Sprache ent⸗ faltet, hier den Schmuck der Rede, Tropen und Bilder, faſt völlig ver⸗ ſchmäht. Seine Perioden, beſonders die indirekten Reden ſind oft zu langwierig und ſchwerfällig, aber ſie harmonieren mit dem Geſamt⸗ charakter des Stiles. Mit ſeiner Perſon tritt der Dichter gänzlich zurück, ſeine eignen Gedanken und Gefühle unterdrückt er. Er, der in ſeinen Dramen der Vertreter des Subjektivismus iſt, iſt in ſeinen Erzäh⸗ lungen völlig objektiv. Reflexionen und allgemeine Sentenzen ver⸗ meidet er, nur die Tatſachen ſollen reden. Damit verbindet er die höchſte Kunſt in der Kleinmalerei. Wenn er beſchreibt, ſo verwandelt er ganz nach Lehre von Leſſings Laokoon das Nebeneinander im Raum in ein Nacheinander in der Zeit, und dabei findet er ſtets kleine aber treffende Züge und Bewegungen, die für die zu beſchreibende Perſon oder Sache