Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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Prinz ſelbſt zum Richter über das Urteil eingeſetzt wird. Es kann nichts künſtleriſch Vollendeteres geben als die Art, wie Kleiſt hier ſeinen Hel⸗ den zur Selbſterkenntnis und ſittlichen Läuterung gelangen läßt. Durch den Brief ſeines Fürſten zur Einkehr in ſich ſelbſt gezwungen und durch die bezaubernde Liebesſeligkeit und ſtürmiſche Eile, mit der Natalie ihn zur Abfaſſung eines Gnadengeſuches zu beſtimmen ſucht, immer tiefer in ſein Grübeln hineingedrängt, ringt er ſich durch zu heroiſcher Tat: Mir ziemt's hier zu verfahren, wie ich ſoll! So ſchreibt er den Brief, in dem er die Gerechtigket des Urteils an⸗ erkennt. Solche Szenen mögen es geweſen ſein, die Heine im Auge hatte, wenn er ſagte, das Drama ſei gleichſam vom Genius der Poeſie ſelber geſchrieben.. Der fünfte Akt führt uns zunächſt die Aktion der Offiziere zu Gunſten des Prinzen vor(Szene 15). Mit heiterer Ruhe und über⸗ legenem Humor nimmt der Kurfürſt das Eintreten der Offiziere für ihren Oberſten auf(Szene 2). Sobald er des Prinzen briefliche Ant⸗ wort empfangen hat, läßt er ſich das Urteil kommen, ein Zeichen, daß die Begnadigung beſchloſſene Sache iſt. In dieſer Stimmung empfängt er die Offiziere, die das Bittgeſuch überreichen. Kottwitz iſt ihr Sprecher und ſucht mit warmherzigen Worten die Tat des Prinzen zu recht⸗ fertigen; dabei offenbart er eine großartige Auffaſſung ſeines Berufes. Der Kurfürſt beharrt ihm gegenüber auf ſeinem ſtrengen Standpunkte des Geſetzes: Den Sieg nicht mag ich, der, ein Kind des Zufalls, Mir von der Bank fällt; das Geſetz will ich, Die Mutter meiner Krone, aufrecht halten, Die ein Geſchlecht von Siegen mir erzeugt. Aber er ſchweigt auch, als Kottwitz das Recht der Empfindung im Staatsleben betont: Kurzſicht'ge Staatskunſt, die um eines Falles, Wo die Empfindung ſich verderblich zeigt, Zehn andre vergißt im Lauf der Dinge, Da die Empfindung einzig retten kann. Der Kurfürſt läßt nun den Prinzen holen, der werde ihn lehren, was Kriegszucht und Gehorſam ſei. Durch die Tat aber erkennt er das Recht der ſchönen Gefühle auch im Staatsleben an, indem er die Be⸗ gnadigung im Innern ſchon vollzogen hat. So dient dieſe Ausein⸗ anderſetzung des Kurfürſten mit Kottwitz nochmals der Behandlung des Themas. Der zweite Teil der bedeutſamen Szene ſtellt das Eintreten Hohenzollerns für den Prinzen dar, er ſucht zu beweiſen, daß der Monarch durch jenen nächtlichen Scherz ſelber Schuld an des Prinzen Zerſtreutheit und ihren Folgen trage. Der Kurfürſt muß aus Hohen⸗ zollerns Ausführungen erkennen, daß des Prinzen Tat doch nicht aus bloßem unüberlegten Draufgängertum zu erklären iſt.