Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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Erläuterungen deutſcher Dichter Bd. 7) oder ſehe das Drama von einem guten Schauſpieler dargeſtellt und achte darauf, wie er das Gefühl in dieſer Szene dahinbrauſen läßt, und man wird dieſe Szene und den Charakter des Prinzen verſtehen. Es kann hier keine Erläuterung des Kunſtwerkes bis in alle Einzelheiten hinein gegeben werden, ſondern es kommt nur auf den Geſamtbau des Dramas an und die Ge⸗ ſichtspunkte, die dieſen in ſeiner künſtleriſchen Vollendung zum Verſtänd⸗ nis der Jugend bringen. Denn das Kunſtwerk als Ganzes der Jugend zum Genuſſe darzubieten, iſt der Zweck der poetiſchen Lektüre.

Im vierten Akt beginnt die Handlung ſich zu löſen. Zunächſt bringt die erſte Szene das entſcheidende Mittel, das die Entwirrung des Knotens herbeiführt. Der Kurfürſt denkt einſtweilen nicht daran, von der Strenge des Geſetzes nachzulaſſen. Er iſt der erhabene Herrſcher mit der Stirn des Zeus, der vor allem das Staatsprinzip, die Autori⸗ tät des Geſetzes, die Manneszucht vertritt. Aber auch in ſeinem Herzen wohnen, wenn auch verſteckt, die lieblichen Gefühle der Milde und Menſchlichkeit. So iſt m. E. der Charakter des Kurfürſten aufzufaſſen, und ich ſchließe mich mit dieſer Anſicht den Ausführungen B. Schulzes (Neue Studien z. H. v. Kleiſt. S. 78 ff.) an, durch die A. Matkowskis Behauptung, Kleiſt habe in dem großen Kurfürſten einen pedantiſchen Autokraten darſtellen wollen, glänzend widerlegt iſt. Nach ſeinem Cha⸗ rakter wäre der Kurfürſt ohne Zweifel zur Gnade bereit, wenn der Schuldige unter Anerkennung ſeiner Schuld darum bäte. Aber davon iſt der Prinz noch weit entfernt. Nun wird der Kurfürſt durch Natalie von dem Gemütszuſtande des Prinzen, ſeinem völligen ſeeliſchen Zu⸗ ſammenbruche, unterrichtet. Anfangs von dieſer Mitteilung verwirrt, erkennt er vermöge ſeines ſcharfen Blickes ſofort, daß jetzt der Boden völlig vorbereitet iſt, um den Prinzen zum Verſtändnis ſeiner Schuld und zur Anerkennung von Geſetz und Manneszucht zu zwingen. So ergreift er denn ein kühnes, aber wirkſames Mittel:

Wenn er den Spruch für ungerecht kann halten, Kaſſier' ich die Artikel: er iſt frei!

Damit ſetzt er den Prinzen ſelbſt zum Richter über das Urteil ein in dem ſicheren Bewußtſein, daß er ſeine Tat und den kriegsgericht⸗ lichen Spruch reiflich und tief überlegen und zur Erkenntnis ſeiner Schuld gelangen werde. Dieſe Szene iſt für die Löſung der Hand⸗ lung die wichtigſte. Die zweite Szene dient dazu, eine Bittſchrift von ſeiten der Natalie und des Offizierkorps ihres Regimentes zu Gunſten des Prinzen in Bewegung zu ſetzen. Der Dichter verfolgt damit einen Nebenzweck für die Löſung, worüber unter geſprochen wird. Nun folgt die herrliche dritte Szene, in der der Prinz auf den Brief des Kur⸗ fürſten antwortet. Nach einem kurzen Monologe(Szene 3), in dem wir den Prinzen in ruhig ergebener Stimmung finden, tritt Natalie ein und übergibt ihm das Schreiben des Kurfürſten, durch das der