Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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Der Prinz iſt einſtweilen außerſtande, das Urteil des oberſten Kriegsherrn zu verſtehen:Bin ich von Sinnen? Sind denn die Mär⸗ kiſchen geſchlagen? Mit dem bittern Hohnworte auf den Lippen, ſein Vetter Friedrich wolle den Brutus ſpielen, überliefert er ſeinen Degen.

Der dritte Akt führt die Handlung zum Höhepunkte. Dieſer liegt in der Erkenntnis des Prinzen, daß es dem Kurfürſten Ernſt iſt mit dem Urteil, und in der Wirkung dieſer Erkenntnis auf das Gemüt des Prinzen. Meiſterhaft iſt in der erſten Szene dargeſtellt, wie allmählich im Prinzen das Bewußtſein von ſeiner gefährlichen Lage aufkeimt. Hohenzollern meldet dem Freunde, daß das Kriegsgericht das Urteil gefällt hat, und der Prinz muß zugeben, daß es nur auf Tod erkennen konnte. Aber ſeinGefühl vom Kurfürſten, der ihn ſtets wie ein Vater geliebt habe, ſagt ihm, daß er ihn begnadigen werde.

Der Kurfürſt hat getan, was Pflicht erheiſchte, Und nun wird er dem Herzen auch gehorchen.

Iſt doch ſein Fehlerder Brille kaum bemerkbar. Sind nicht die Schweden nur ein paar Augenblicke früher in den Staub geworfen? Solche Außerungen beweiſen, daß der Prinz den Kern des Konfliktes zwiſchen ihm und ſeinem Herrn noch nicht verſtanden hat. Und noch greller wird das falſche Verſtändnis von dem Weſen dieſes Zwieſpaltes dadurch beleuchtet, daß Homburg und mit ihm Hohenzollern den abſcheulichen Glauben hegen kann, der Kurfürſt werde um einer ſchwe⸗ diſchen Werbung willen das Todesurteil unterzeichnen. Mit dem Auf⸗ ſchrei:Ich bin verloren! ſtürzt er zur Kurfürſtin, um ihre Hilfe anzu⸗ flehen. Auf dem Wege dorthin ſieht er das für ihn gegrabene offene Grab.

Es folgt nun jene ſo oft angegriffene Szene, in der der junge General, auf den Knien liegend, die Kurfürſtin um ſein Leben fleht. Die Szene iſt für Kleiſts Drama verhängnisvoll geweſen, ſie hat ihm lange den Zugang zur Bühne verſperrt(Servaes a. a. O. S. 121), und noch heute ſchüttelt mancher aus dem Publikum den Kopf darüber. Und doch iſt ſie für den, der Kleiſt kennt, im Gefüge unſeres Dramas ver⸗ ſtändlich, ja notwendig. Sein Prinz von Homburg iſt nicht feige, er hat kaltblütig im Kugelregen geſtanden. Aber er iſt ein impulſiver und ſenſitiver Nervenmenſch. Die Erkenntnis, daß es dem Kurfürſten Ernſt mit dem Todesurteil iſt, dazu der ſchaudervolle Anblick des für ihn geöffneten Grabes erſchüttert ihn in der Tiefe ſeiner Seele. Und wie Kleiſt ſeine Charaktere zu den äußerſten Konſequenzen zu führen pflegt, ſo läßt er auch den Prinzen ſein Gefühl ungehemmt ausſtrömen: Verzichten will er auf ſeinen Beruf, ſein Liebesglück, und nur das nackte Leben will er retten. Ein Kleiſtſcher Held empfindet nicht wie ein Dutzendmenſch, ſondern unendlich viel tiefer ſowohl die Wonne des Sieges und des Liebesglückes als auch den Schauder des drohenden Grabes. Man leſe die feinſinnige Analyſe von R. Petſch(Lyons ÄAſthet.