Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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namentlich Hermanns und ſeinesThuschens, zu einem Geſamtbilde vereinigt werden. Und welche Meiſterſchaft beweiſt Kleiſt auch hierbei! Gewiß, die Charaktere unſeres Dramas haben oft harte und ſchroffe Züge. Es iſt eben echt Kleiſtiſch, die Charaktere bis zu ihren äußerſten Konſequenzen zu führen, und ſollten ſie dann auch ſchrecklich und ent⸗ ſetzlich erſcheinen. Aber der Dichter ſorgt auch dafür, ein äſthetiſches Gegengewicht zu ſchaffen, indem er das Liebliche und das wahrhaft Große neben das Schreckliche ſtellt. Und im Geſamtbilde ſind alle Per⸗ ſonen unſeres Dramas lebendige Geſtalten, nicht typiſch, aber individuell ausgeprägt.

Um mit den Nebenrollen zu beginnen, wie geſchickt ſind die Charaktere der deutſchen Fürſten, ihre vaterländiſche oder unnationale Haltung durch alle Grade abgeſtuft! Der mutige Kattenfürſt zieht ſo⸗ fort ſein Schwert für des Vaterlandes Freiheit. Zurückhaltender iſt Thuiskomar, der Fürſt der Sigambrer, er iſt erſt zum Bunde gegen Rom bereit, als ſeinem Lande unmittelbare Gefahr droht. Dagobert, der Marſenfürſt, will ſich nur anſchließen, wenn ihm ein Landſtrich, um den er mit dem Bruktererfürſten im Streit liegt, abgetreten wird; dieſer aber will lieber dem Auguſtus helfen, ehe er ſeinen ver⸗ meintlichen Beſitzanſprüchen entſagt. Gueltar und Fuſt, der Nervier und der Cimbern Fürſten, die gezwungen dem Römer Hilfe leiſten, gehen auf dem Schlachtfelde zu Hermann über. Dagegen hat ſich Ariſtan, der UÜbierfürſt,der ungroßmütigſte von allen deutſchen Für⸗ ſten, treulos aus eigenem Entſchluß in Varus Arme geworfen und folgt ihm ins Verderben. Aus dem Kreiſe der deutſchen Fürſten erhebt ſich Marbod als der bedeutendſte, er, der bei der Befreiungstat neben Her⸗ mann die wichtigſte Rolle ſpielt, eine echt germaniſche Geſtalt, willens⸗ ſtark und großmütig, treu und bedächtig.

Auch die römiſchen Feldherrn und Diplomaten ſind, wenn ſie auch mehr paſſiv erſcheinen, weil ſie als Sendlinge des römiſchen Kaiſers nur deſſen Befehle auszuführen haben, doch trefflich in ihrem Charakter gegen einander abgegrenzt: Varus, der Kriegsmann, der nur den Willen ſeines Kaiſers auszuführen für ſeines Amtes hält und in deſſen Auf⸗ trage den Legaten ihre Weiſungen gibt, Ventidius, der geſchmeidige Diplomat und ſcharmuzierende Galan, und Septiminus, der vornehme Römer von untadeliger Geſinnung.

Der Charakteriſtiker Kleiſt widmete aber ſeine ganze Kraft dem charuskiſchen Fürſtenpaare. Zum Verſtändnis des Charakters der Thus⸗ nelda, der ſo manchem Kritiker ſchon Kopfzerbrechen verurſacht hat, muß eine Äußerung Kleiſts, die Dahlmann in einem Briefe an Ger⸗ vinus mitteilt, herangezogen werden: Meine Thusnelda iſt brav, aber ein wenig einfältig und eitel, wie heute die Mädchen ſind, denen die Franzoſen imponieren; wenn ſolche Naturen zu ſich zurückkehren, ſo be⸗