Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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dürfen ſie einer grimmigen Rache. Die Abſicht des Dichters liegt alſo klar zu Tage. Er wollte in Thusnelda einerſeits die weibliche Schwäche darſtellen, wie er ſie in der Franzoſenzeit an deutſchen Frauen beob⸗ achtete, daher der Gefallen, den ihre weibliche Eitelkeit an der Galanterie des Ventidius und an der feinen Form ſeines Liebeswerbens findet. Dabei iſtThuschen durchaus harmlos und Hermanns mit Ehrfurcht und Sehnſucht geliebtes Weib. Andererſeits gibt der Dichter ihrem Charakter aber einen ſtarken Einſchlag cheruskiſcher Wildheit bei. Daher der furchtbare Umſchlag in ihrem Weſen, als des Römers freches Begehren entlarvt wird. Da erwacht ihre urgermaniſche Wildheit, und in ihrem maßloſen Haſſe treibt ſie den tückiſchen Römer in die Tatzen der zottelſchwarzen Bärin von Cheruska. Man kann darüber ſtreiten, ob die beiden Seiten in dem Charakter Thusneldas im Einklang ſtehen, jedenfalls iſt des Dichters Abſicht klar. Man gebe bei der Schulbehand⸗ lung ruhig zu, daß die Rachetat der Thusnelda weder groß noch ſchön iſt, aber man füge hinzu, daß ſich Kleiſt eben nicht fürchtet, den Leſer oder Zuſchauer auch einmal zu entſetzen, wenn es ihm geboten ſcheint.

Wenn der Charakter der Thusnelda vielleicht Anlaß zur Kritik bietet, ſo iſt der des Helden dagegen mit vollendeter Meiſterſchaft ge⸗ zeichnet. Er iſt der Träger der Grundidee des Dramas und vertritt die deutſch⸗nationale Geſinnung und die Freiheitsidee in der reinſten Form. Gut und Blut will er ihr opfern. Kein Gedanke an kleinlichen Vorteil entadelt das große Gefühl. Willig iſt er bereit, ſeine Souveränität Marbod zu opfern, wenn dieſer die Fremdherrſchaft niederwerfen hilft. Sein Befreiungsplan iſt zu grandios, als daß er irgend jemand auch ſein Thuschen nicht daran teilnehmen ließe; aber er hat ihn vor ſeinem Gott erwogen, und wenn er mißlingen ſollte,ſo iſt es ſein Ge⸗ ſchick, das er tragen will. Seine Eigenſchaften befähigen ihn aber, das Befreiungswerk durchzuführen. Mit genialem Scharfblick vereinigt er einen hohen Flug der Gedanken und eine rückſichtsloſe Energie des Willens. Zugleich iſt er in Liſt und Verſtellung Roms gelehriger Schüler, der ſein Meiſter wird. Ganz erfüllt von ſeinem Kriegsplan, erſcheint er Freund und Feind als der unbekümmert Argloſe. Die Glut des Haſſes im Dienſte ſeiner Freiheitsidee zur Flamme zu ſchüren, hält er die ſkrupelloſeſten Mittel für erlaubt. Und im Kriege ſelbſt iſt er kühn und verſchlagen, hart und grauſam.

So muß der Held nach des Dichters Anſicht ſein, der Deutſchland vom Joche Cäſar⸗Napoleons zu befreien vermag.

Damit ſind wir angelangt bei dem Grundgedanken des Dramas, in deſſen Behandlung die Klaſſenbeſprechung gipfeln muß. Indem man die Beziehungen und Analogien, die der Dichter zwiſchen den altger⸗ maniſchen Freiheitskämpfen und dem Freiheitsringen ſeiner Zeit her⸗ ſtellte, beſpricht, gelangen die Schüler zur Erkenntnis, daß der Dichter