Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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behalten werden: der Aufbau der Handlung, die Zeichnung der Charak⸗ tere und beſonders die Durchführung der Idee.

Was zunächſt die Handlung betrifft, ſo iſt ſie mit ſolch logiſcher Klarheit und ſolch künſtleriſcher Meiſterſchaft aufgebaut, die Einzel⸗ heiten ſind ſo geſchickt vorbereitet und miteinander verbunden, daß die Schüler ihrer Verwickelung und Löſung mit höchſter Spannung folgen werden. In der Handlung, dem Aufrollen des Befreiungsplanes und dem Durchführen der Befreiungstat, liegt in derHermannsſchlacht der Kern des dramatiſchen Lebens, nicht, wie imPrinzen von Hom⸗ burg, in einem Seelenprozeſſe des Helden.

Der erſte Akt gibt eine klare Expoſition. Mit ſcharfen Strichen zeichnet die erſte Szene die Grundlagen der Handlung, die Lage Deutſch⸗ lands: Der Cäſar Roms hat halb Europa unterworfen, auch deutſche Fürſten erlagen ihm ſchon, und er iſt am Werke, ganz Deutſchland nieder⸗ zutreten, wobei ihm der Verrat(Ariſtan) und die Zwietracht(Dagobert Selgar) einzelner zu Hilfe zu kommen ſcheint; ſelbſt die Heiligkeit der Familie wagt der Feind anzutaſten(I, 2). Die dritte Szene macht uns mit dem Helden bekannt; vor ſeiner Seele ſteht der Befreiungsplan, und mit geiſtiger überlegenheit und Liſt prüft er die um ihn ver⸗ ſammelten deutſchen Fürſten, ob er ſie zu ſeinem Werke benutzen kann (erregendes Moment). Im zweiten Akt erfahren wir zunächſt, daß Rom ſich anſchickt, auch den Cheruskern die Freiheit zu rauben; mit kühner Verſtellung nimmt Hermann das angetragene Bündnis an, wenn ihm nach Niederwerfung Marbods die höchſte Gewalt in Deutſchland übertragen werde(II, 1). Die nächſte Szenengruppe(II, 28) zeigt, wie die Gefahr der ſozialen Vergewaltigung wächſt, indem das Liebes⸗ werben des Ventidius zur Frechheit ausartet. Die Schlußſzenen berich⸗ ten die Botſchaft Hermanns an Marbod, womit der erſte Schritt zur Befreiungstat geſchehen iſt. Der dritte Akt führt uns in der erſten Szenengruppe die Gewalttaten der Römer bei ihrem Einzug ins Cheruskerland vor und parallel damit die ſkrupelloſen Mittel, die Her⸗ mann anwendet, um den Römerhaß und die Kriegsſtimmung im Volke zu ſchüren(III, 12). Das daran ſich anſchließende Geſpräch zwiſchen Hermann und Thusnelda ſchildert noch einmal das grenzenloſe, nur auf Ausbeutung Deutſchlands zielende Gewaltregime der Römer(III, 2). Die letzten Szenen(III, 4 6) bilden mit Varus' Einzug in Teutoburg und ſeinem Zuſammentreffen mit Hermann den Höhepunkt der Hand⸗ lung. Das Römerheer, das Zeichen der Macht des Feindes, zieht in voller Pracht vorüber; Hermann geht in überlegener Verſchlagenheit auf den Kampfesplan gegen Marbod ein. Die Spannung erreicht den höchſten Grad: Wird ſo gewaltiger Macht gegenüber der Befreiungs⸗ plan gelingen? Der vierte Akt bringt den Beginn der Löſung: Marbot wird gewonnen(IV, 36). Die letzten Anordnungen zur Schlacht im