Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

14

Vaterlandes Freiheit lieben, können ſich zu keiner Tat ermannen, viele vermeinen durch Wichtigtun und Botenſchicken das Vaterland retten zu können(IV, 3, 1496 ff.). Nur ein Held wie Hermann, von ſtarkem und überlegenem Geiſte und einer Verſchlagenheit, die die der Feinde über⸗ trifft, kann die Deutſchen zu einer großen Befreiungstat zuſammen⸗ raffen und das Raubneſt, das ſich in den Leib Germaniens eingefilzt hat, vernichten.

Dieſe Beziehungen zu des Dichters Zeit lagen ſo klar und offen⸗ bar zu Tage, daß ſie jedermann damals verſtehen mußte und verſtand. Es iſt ausdrücklich von Dahlmann, Kleiſts Freunde, in einem ſchönen Briefe an Gervinus bezeugt:Für ſein beſtes Werk halte ich die am wenigſten beſprochene Hermannsſchlacht. Es hat zugleich hiſtoriſchen Wert; treffender kann der hündiſche Rheinbundsgeiſt, wie er damals herrſchte, gar nicht geſchildert werden. Damals verſtand jeder die Be⸗ ziehungen, wer der Fürſt Ariſtan ſei, der zuletzt zum Tode geführt wird, wer die Schwätzer waren, die ſich, Deutſchland zu befreien, mit Chiffern ſchreiben und einander Boten ſchicken, die die Römer hängen.

Es ſoll nun niemand denken, daß man dieſe Analogien kennen müſſe, um das Drama zu verſtehen und in ſeiner wuchtigen Kraft nach⸗ zuempfinden, aber dem Dichter kam es doch, wie er ſelbſt mehrfach bezeugt(Brief 125, 129), lediglich auf die augenblickliche Wirkung an, und alle Analogien, die er fand und erfand, haben den alleinigen Zweck, die Wirkung auf die Zeitgenoſſen und die Bewegung gegen Napoleon zu ſteigern. Wegen dieſer Bedeutung der Analogien für den Grund⸗ gedanken und die Tendenz des Stückes dürfen ſie auch bei der Schul⸗ behandlung nicht übergangen werden, die Schüler werden ſelber, wenn ſie die Geſchichte kennen, die nächſtliegenden finden.

Wir ſtehen damit ſchon bei der Frage, wie und wo das Drama in der Schule behandelt werden ſoll. Es gehört meines Erachtens nach Unterprima und kann in Verbindung mit dem Prinzen von Homburg hehandelt werden. Es kann auch an den geſchichtlichen Lehrſtoff an⸗ geknüpft werden, indem es zu der Zeit geleſen wird, wo im Geſchichts⸗ unterricht die Kämpfe der Germanen und Römer durchgenommen wer⸗ den. Den Schülern werden dann um ſo mehr die hauptſächlichſten Ab⸗ weichungen von der Geſchichte in die Augen ſpringen, ſie werden nach ihrem Grund fragen und von ſelbſt auf die Tendenz, die der Dichter verfolgt, geleitet werden.

Das Drama bietet im einzelnen den Primanern wenig Schwierig⸗ keiten, es iſt alſo nicht nötig, es Akt für Akt mit allen Einzelheiten zu erklären. Der Schulwert kann erſchöpfend gewonnen werden, wenn das Werk in Privatlektüre durchgearbeitet wird und nach ihrem Ab⸗ ſchluß einer eingehenden und zielſicheren Geſamtbeſprechung in der Klaſſe unterzogen wird. Dreierlei muß dabei vor allem im Auge