Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
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nicht zu wiſſen, die jeder Schulknabe weiß. Kleiſt nimmt eben der Geſchichte gegenüber ſein freies Dichterrecht in Anſpruch, nicht bloß den Tatſachen gegenüber, ſondern auch und darin geht er über Leſſing hinaus den Charakteren gegenüber(vgl. Seiler, der Gegenwarts⸗ wert von Leſſings Hamburgiſcher Dramaturgie. S. 188 ff.). Mit ſeinem Prinzen von Homburg hat er ſelbſt dazu beigetragen, Leſſings Dogma, daß dem Dramatiker die geſchichtlichen Charaktere heilig ſeien, zu ſtürzen.

Bei allen Abweichungen von der Geſchichte iſt die allein entſchei⸗ dende Frage, ob das allgemeine hiſtoriſche Bewußtſein und das äſthe⸗ tiſche Urteil verletzt wird. Das iſt nun bei KleiſtsHermannsſchlacht keineswegs der Fall. Der weſentliche Charakter des Zeitalters, aus dem der Stoff des Dramas genommen iſt, bleibt gewahrt: Die freiheit⸗ liebenden, jagd⸗ und kriegsluſtigen Germanen, ſtark durch ihr Feſthalten an ihren alten, einfachen Sitten, aber ſchwach durch die Uneinigkeit ihrer Stämme, kämpfen um ihre Freiheit mit den weltbeherrſchenden, ver⸗ feinerten Römern, und Hermann, der Cheruskerfürſt, einigt kraft der überlegenheit ſeines Geiſtes die deutſchen Stämme, vernichtet im Teutoburger Walde das Römerheer des Varus und gewinnt dadurch den Deutſchen die Freiheit. Das ſind die Grundzüge der Handlung, die auch hiſtoriſche Wahrheit in Anſpruch nehmen können, und noch viele einzelne Züge in Handlung und Charakteriſtik ſind geſchichtlich getreu.

Aber ganz abgeſehen von dem Verhältnis des Dramas zur Ge⸗ ſchichte, Kleiſts Hermannsſchlacht trägt den Schlüſſel des Verſtändniſſes in ſich, es iſt ein einheitlich geſchloſſenes Kunſtwerk und offenbart ſeine Kraft, auch ohne daß der Leſer oder Zuſchauer weiß, inwieweit ſeine Handlung hiſtoriſch iſt oder nicht.

Trotzdem iſt es intereſſant, die Abweichungen von der Geſchichte ihrem Zwecke nach ins Auge zu faſſen. Sie dienen offenbar alle dem Grundgedanken und der Tendenz des Stückes. Kleiſt überträgt, wo immer es möglich iſt, Züge der Napoleoniſchen Zeit auf den altgermani⸗ ſchen Freiheitskampf. Die Beziehungen auf Napoleon, ſeine Feldherrn und Diplomaten ſind mit den Händen zu greifen. Napoleon war der neue Cäſar, der die Welt unterjochte, Fürſten ab⸗ und einſetzte. Durch ſeine Schergen ſuchte er auch das freie Deutſchland ſich botmäßig zu mochen. Liſt und Verrat ſind ihre Mittel. Den Kultus ſchonen ſie, galant machen ſie den fürſtlichen Frauen den Hof, dahinter aber lauert die Unzucht. Und Deutſchland ſcheint reif zum Untergang. Manche ſeiner Fürſten ſind dem Eroberer zu Willen, ſie werden benutzt und beſchenkt, wenn ſie auch von den Fremdlingen verachtet werden;(V, 9, 2094); andere denken nicht an die Freiheit des Vaterlandes, ſondern nur an den eignen Beſitz undſtreiten ſich um eine Hand voll Wolle, derweil der Wolf in Deutſchlands Hürden bricht(I, 1, 73 ff.). Die ihres