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Was bedeutet denn Tendenzſtück? Im allgemeinen Sinne könnte man ohne Zweifel jedes Drama ein Tendenzſtück nennen. Denn ein beſtimmtes bedeutſames Ziel, nach dem die Handlung hinſtrebt, und einen im Weſen der Handlung liegenden künſtleriſchen Zweck hat jedes wahre dramatiſche Kunſtwerk. Goethes Götz und Fauſt, Schillers Räuber und Demetrius, Grillparzers Ahnfrau und goldnes Vließ, kurz jedes große Drama behandelt eine bedeutſame, für das menſchliche Leben wichtige Idee, die der Handlung zu Grunde liegt, aus ihr hervorleuchtet und durch ſie illuſtriert wird, mag man ſie nun Idee oder Grundgedanke oder Tendenz nennen, mag ſie äſthetiſcher, politiſcher oder ſozialer Art ſein. Nur in dem Falle könnte man von Tendensdichtung in tadelndem Sinne ſprechen, wenn der Dichtung eine von außen hineingetragene, dem Weſen der Handlung fremde Idee zu Grunde läge, oder wenn ſie dazu benutzt würde, einen Prinzipienſtreit poetiſch zu umkleiden.
Sollte wirklich Körner Recht haben, wenn er das ganze Reich der Poeſie der wirklichen Welt völlig entrücken will? Nein!„Es iſt ein idealiſtiſcher Wahn, der die Poeſie in einen fernen lichten Äther verſetzt und ihr alle Tendenz und jede Wirkung im Dienſte bedeutender Lebensziele verbietet“.(E. Schmidt, Kleiſts Werke. Bd. 2, S. 317.) Die großen Gedanken des wirkenden Menſchengeiſtes und die tiefen Ge⸗ fühle der Menſchenbruſt, ſie bieten der Dichtung ihre bedeutſamen Ideen. Kleiſt war von dem guten Rechte der Poeſie, die ihr inne wohnendé Kraft in den Dienſt großer, die Gemüter bewegenden Ideen des wirklichen Lebens zu ſtellen, tief durchdrungen, und ſo ſchuf er dieſe dramatiſche Darſtellung der altgermaniſchen Freiheitskämpfe mit der offen zutageliegenden Abſicht, durch die Kraft und Wucht ſeiner poeti⸗ ſchen Geſtalten die Bewegung der Zeit zu fördern d. h. die Rüſtungen gegen Napoleon zu ſchüren. Dieſe Tendenz macht meines Erachtens das Drama für die Schullektüre nicht untüchtig, vielmehr wird gerade die Schulbehandlung die beſte ſein, welche die Grundidee zu voller Klarheit und Wirkung gelangen läßt.
Ein anderer Vorwurf, den man dem Werke macht, und der es auch nach Anſicht mancher Schulmänner für die Schullektüre als ungeeignet erſchei⸗ nen läßt, beſteht in den vielen geographiſchen, mythologiſchen und hiſtori⸗ ſchen Unrichtigkeiten und in den öfteren Mißtönen und Inkorrektheiten des Verſes, die in dem Drama enthalten ſind. Ich brauche ſie nicht auf⸗ zuzählen, es iſt oft geſchehen, und es verrät ſich vielfach darin die Eile, mit der der Dichter ſein Werk ſchuf und ſchaffen mußte, wenn er es als Alarmruf in die Bewegung der Zeit werfen wollte. Mit bitterem, aber berechtigtem Hohn auf die„weiſen Schulmeiſter“ verweiſt E. Schmidt(Kleiſts Werke. Bd. 2, S. 318) den Anachronismen und ſach⸗ lichen Unrichtigkeiten gegenüber auf das 34. Stück von Leſſings Ham⸗ burgiſcher Dramaturgie:„Dem Genie iſt es vergönnt, tauſend Dinge


