ſieht ſie einen wahrhaft königlichen Charakter entwickeln. Sie hat den großen Gegenſtand, auf den es jetzt ankommt, umfaßt; ſie, deren Seele noch vor kurzem mit nichts beſchäftigt ſchien, als wie ſie beim Tanzen oder beim Reiten gefalle. Sie verſammelt alle unſre großen Männer, die der König vernachläſſigt, und von denen uns doch nur allein Rettung kommen kann, um ſich; ja ſie iſt es, die das, was noch nicht zuſammengeſtürzt iſt, hält.“ Nahe verwandt mit dieſen Gedanken ſind nun die Gedanken unſeres Sonettes, das Kleiſt im Jahre 1810 der Königin an ihrem Geburtstage— es war ihr letzter— überreichen durfte, und das ſie vor den Augen des ganzen Hofes zu Tränen gerührt hat(Kleiſts Werke. Bd. 5, S. 396). Der Dichter preiſt die Königin, wie ſie mit liebreicher Anmut Seelengröße verbinde, und wie ſie ſelbſt den Männern Troſt und Hoffnung in der Not geſpendet habe(Stollen):; er möchte die Unglückszeit ſegnen, daß ſie die Größe der Königin offen⸗ bart habe, und vergleicht ſie mit einem Stern, der„voller Pracht erſt ſchimmert, wenn er durch finſtre Wetterwolken bricht“(Abgeſang). Auch bei dieſem Gedichte kommt es für die Schullektüre, wie bei jedem dichte⸗ riſchen Kunſtwerk, vor allem auf die Grundſtimmung an, und dieſe, die Bewunderung vor der Seelengröße, mit der die ſchöne und anmutige Königin das Unglück getragen, muß dem Gefühle der Jugend nahe ge⸗ bracht werden.
Nie iſt einer Königin ſchöner gehuldigt worden, und„was Goethe von ſeinem troſtloſen Harfnerlied nur aus der Ferne ſagen durfte, er habe Königinnen weinen ſehen, das erfuhr Kleiſt für dieſen Geburts⸗ tagsſegen in nächſter Nähe.“(E. Schmidt in Kleiſts Werken. Bd. 4, S. 8.)
Wir beſitzen von Kleiſt nur einige lyriſche Gedichte; fünf davon haben ſich uns als wertvolle Gabe auch für die Schule erwieſen. Ihr Wert liegt ſowohl in der Kraft und Tiefe des patriotiſchen Gefühles als auch in der ſinnlich packenden, von jeder Phraſe freien dichteriſchen Darſtellung.
Aber Kleiſts eigentliche Kraft lag auf dem Gebiete des Dramas, und auch in der Reihe ſeiner Dramen ſind mehrere, die der Schule bedeutende Bildungswerte darbieten, und ſie würde ſich ſelbſt ſchädigen, wenn ſie dieſe nicht ausnutzen wollte.
Die Hermannsſchlacht.
Der hauptſächlichſte Grund, aus dem Kleiſts Hermannsſchlacht für die Schule in Anſpruch genommen werden muß, iſt der tiefe und reine nationale Gehalt, der dieſem Werke wie kaum einem andern deut⸗ ſchen Drama innewohnt. Auf deutſchem Boden ſpielt die Handlung, eine deutſche Großtat bildet ihren Mittelpunkt; um der Freiheit Deutſch⸗


