Haß geſäet werde; die Jugend muß bei der Kleiſtſchen Kriegslyrik fühlen lernen, welche Untiefe dämoniſcher Gefühle die Not des Vater⸗ landes in tiefen Gemütern wachrufen konnte. Und zum Schluſſe darf man nicht verſäumen zu betonen,— worauf ſchon H. v. Treitſchke in ſeinem immer noch bedeutenden Aufſatz über Kleiſt hingewieſen hat— daß dieſer Haß doch nur die Kehrſeite heißer Vaterlandsliebe iſt, und dieſer Hinweis wird verſöhnend und beruhigend wirken.
Aber Kleiſt gebot auch über mildere Töne. Leidenſchaftlich, aber verhalten ſind die Verſe an den Helden von Saragoſſa, den tapferen Palafox, feierlich die Ode, die er dem Sieger von Aspern, dem Erz⸗ herzog Karl,„dem Ueberwinder des Unüberwindlichen“, weihte. Doch die hochgeſpannten nationalen Hoffnungen, die den Dichter im Frühjahr des Jahres 1809 beſeelten, wurden mit einem Schlage durch die un⸗ glückliche Schlacht bei Wagram zerſtört. Die Enttäuſchung war nieder⸗ ſchmetternd, die Verzweiflung unendlich; er ſank auf das Krankenlager, monatelang erfahren wir nichts von ſeinem Schickſal. Ein einziges Lied ſtammt aus dieſer Zeit, das die Stimmung des Dichters wieder⸗ gibt: das letzte Lied. Dies möchte ich für die Schullektüre nicht miſſen. Es iſt ein ergreifender Ausdruck verzweifelnden Schmerzes. Der Dichter verſucht die Beziehung zur Zeitlage zu verdecken, indem er in der überſchrift bemerkt, das Lied ſei nach dem Griechiſchen aus dem Zeit⸗ alter Philipps von Mazedonien verfaßt. Zunächſt klagt er, wie das Verderben mit entbundenen Wogen auf alles Beſtehende herangezogen komme und der alten Staaten graues Prachtgerüſte donnernd einſtürze (Str. 1 und 2). Ein neues, in Unfreiheit und Feigheit verdüſtertes Geſchlecht wächſt empor(Str. 3). Das Lied, das ſonſt die Seele zu unnennbaren Wonnen erhebt, ſinkt vom Todespfeil getroffen, ins Grab, und der Sänger wünſcht mit ihm zu enden und legt die Leier tränend aus den Händen(Str. 4, 5, 6). Nie iſt der Schmerz um des Vater⸗ landes Schmach tiefer und ergreifender geſungen worden. Und wenn dieſe Grundſtimmung— ſelbſtverſtändlich im paſſenden Zuſammen⸗ hange mit der geſamten Freiheitsdichtung— dem Verſtändnis und dem Gefühle der Jugend nahe gebracht wird, hat das Lied ſeine Wirkung getan.
Wie ſehr Kleiſt im Jahre 1809 den Anſchluß Preußens an Öſt⸗ reich erſehnt hatte, bald mußte er ſich ſagen, daß es ein Glück geweſen, wenn ſich Preußen gezügelt und nicht ins allgemeine Verderben ver⸗ ſtrickt hatte. Dieſe ſeine engere Heimat füllte nun ſeine ganze Hoff⸗ nung aus. Der Haß gegen den Fremdling machte der Liebe zum Vater⸗ lande Raum, aus der ja jener Haß nur entſprungen war. Was noch von alter Herrlichkeit in Preußen ſtand, umfaßte er mit inniger Liebe. Dem Vaterland galt jetzt all ſein Denken und Tun. Wenn er im Jahre 1809 das furchtbare Haſſesdrama der Hermannsſchlacht gedichtet hatte,


