Aufsatz 
Heinrich von Kleist im deutschen Unterricht der höheren Lehranstalten / von Karl Sieke
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

als die ihrigen an und ſieht in ſeiner Kunſt den eigentümlich deutſchen Stil. Wir beſitzen ſeit kurzem eine den Anſprüchen wiſſenſchaftlicher Methode entſprechende Geſamtausgabe ſeiner Werke(von E. Schmidt, G. Minde⸗Pouet und R. Steig), und auch in die breiten Schichten des Volkes dringen ſeine Schöpfungen in zahlreichen volkstümlichen Aus⸗ gaben. Scharfſinnige Literarhiſtoriker dringen immer tiefer in das Verſtändnis ſeiner Kunſt und ihrer Ziele und bringen immerneue Kunde von ſeinem Leben und ſeinem Werdegang bei.

Nur die Schule ſträubt ſich noch, H. v. Kleiſt in ſeiner Bedeutung anzuerkennen, und die Werte, die er auch ihr bietet, auszunützen. Noch in dem neueſten größeren Buche über die poetiſche Lektüre im deutſchen Unterricht der höheren Schulen von Goldſchneider ſteht zu leſen: Nie⸗ mand kann eigentlich weniger ein Schulſchriftſteller ſein als Kleiſt. Solchen Urteilen gegenüber iſt es wohl der Mühe wert, zu unterſuchen, welche Werke von Kleiſt zur Schullektüre geeignet ſind, welche Werte ſie der Schule darbieten, und wie ſie behandelt werden müſſen. Es wäre doch eine eigentümliche Erſcheinung, wenn ein Schriftſteller, der hinter Goethe und Schiller in der Schätzung ſeines Volkes der dritte iſt und eine Macht im geiſtigen Leben des deutſchen Volkes darſtellt, für die höhere Schule ſo wertlos ſein ſollte.

Die kleineren lyriſchen Secdichte.

Kleiſt ſtand in der erſten Periode ſeines dichteriſchen Werde⸗ ganges dem politiſchen und nationalen Leben fern. Das allgemeine Menſchheitsideal, das die nationalen Schranken verachtet, erfüllte ſeine Bruſt. Als aber im Anfang des 19. Jahrhunderts die furchtbarſten Schläge das Leben der deutſchen Nation erſchütterten, da trat in Kleiſts Innerem ein gewaltiger Umſchwung ein. Er hätte das preußiſche Junkerblut, das in ſeinen Adern wallte, verleugnen müſſen, wenn er nicht das Unglück des Vaterlandes im innerſten Herzen hätte fühlen wollen. Wir können in den Briefen der Jahre 1805 und 1806 ver⸗ folgen, wie Kleiſts nationales Empfinden immer ſtärker und mächtiger wurde. Anfangs lagen freilich vaterländiſches Fühlen und dichteriſche Produktion noch auseinander, er behandelte Stoffe, die keinen ſpezifiſch nationalen Gehalt haben, aber bald wurde die patriotiſche Idee in ihm ſo mächtig, daß er ſeine ganze Perſönlichkeit in ihren Dienſt ſtellte, als Agitator und Politiker für ſie wirkte und auch ſeine Kunſt ihr unter⸗ tänig machte. Und wie er denn eine männliche und ſchroffe Natur war und eine wilde Energie beſaß, die vor nichts zurückſchreckte, ſo kommt der vaterländiſche Gedanke mit einer Macht und einer Leidenſchaft zum Ausdruck wie bei keinem andern Schriftſteller und Dichter. Die patrio⸗