über keinen der Großen unſerer Literaturgeſchichte hat ein tragi⸗ ſcheres Schickſal gewaltet als über Heinrich v. Kleiſt. In ſeinem Leben wurde er von den Menſchen verkannt und herabgeſetzt, vom Unglück umhergetrieben und verfolgt, bis er ſchließlich ſelbſt das Leben von ſich warf, weil es ſeine Ideale zertrümmert hatte. Und nach ſeinem Tode haben die Biographen miteinander gewetteifert, immer neue krankhafte Züge dem Lebensbilde des großen Mannes, den ſie nicht verſtehen konnten, einzufügen, ſodaß er ſchließlich nicht nur als ein Sonderling, eien problematiſche Natur, ſondern ſogar als ein ſeeliſch Geſtörter und erblich Belaſteter erſchien.
Erſt in jüngſter Zeit hat die literarhiſtoriſche Forſchung— ich meine vor allem die bedeutenden Werke von R. Steig(„H. v. Kleiſts Berliner Kämpfe“,„Neue Kunde zu H. v. Kleiſt“) und J. Rahmer („Das Kleiſt⸗Problem“) ſowie die Biographie von F. Servaes— das Bild des Menſchen Kleiſt in die richtige Beleuchtung geſtellt, und da tritt er uns entgegen als ein heldenhafter Lebenskämpfer und Lebens⸗ geſtalter bei allem Irren im Ringen mit ſich und der Welt.
Und das Schickſal ſeiner Schöpfungen! Zu Lebzeiten des Dichters waren ſeine Dramen faſt unbekannt. Die offizielle Literatur verhielt ſich nach den ungerechten Urteilen Goethes ablehnend, die Bühne ſpröde. Der Dichter, deſſen Dramen wie die keines andern erſt auf der Bühne Leben gewinnen und ihre wahre Größe zeigen, hat niemals ein Stück von ſich auf der Bühne ſpielen ſehen. Und von einigen Lieb: habervorſtellungen ſowie der mißglückten Weimarer Aufführung des zerbrochenen Kruges abgeſehen, iſt überhaupt keins ſeiner Dramen zu des Dichters Lebzeiten über die Bretter gegangen, ja die Hermanns⸗ ſchlacht und der Prinz von Homburg ſind bis zu ſeinem Tode nicht ein⸗ mal gedruckt worden.
Und heute? Nachdem die Meininger bahnbrechend mit ihren Aufführungen Kleiſtſcher Dramen gewirkt hatten, eroberte Kleiſt die Bühne; ſeine großen Schöpfungen ſind heute auf allen Bühnen heimiſch, und von ihnen herab ſpricht Kleiſt zu dem ſich ſeiner Poeſie ergebenden Publikum. Und auch jeder Widerſtand vonſeiten der literariſchen Kritik iſt ſiegreich überwunden. Niemand mehr führt, ſeitdem nament⸗ lich Fr. Hebbel ſeiner rückhaltloſen Bewunderung für Kleiſts Kunſt Ausdruck verliehen hat, die Waffen gegen ihn. Eine junge Schrift⸗ ſteller⸗Generation erkennt Kleiſts künſtleriſche und patriotiſche Ideale


