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Am 23. Dezember 1904 fand in der Aula die Abschiedsfeier statt, bei der das Kuratorium vertreten war durch den Vorsitzenden Herrn Stadtrat Grimm sowie die Herren Oberkonsistorialrat D. Ehlers und Stadt- schulrat Dr. Lüngen. Nachdem der Chor das Lied„Herr, deine Güte reicht so weit“ vorgetragen hatte, sprach zunächst der Unterzeichnete im Namen des Lehrerkollegiums. Er ging aus von dem Goetheschen Worte:„Der kann sich manchen Wunsch gewähren, der kalt sich selbst und seinem Willen lebt, Allein wer andre wohl zu leiten strebt, Muß fähig sein, viel zu entbehren“ und suchte nachzuweisen, daß das Wesen des Scheidenden in dem Zurücktreten der eignen Person hinter der Sache liege. Diesen Grundzug seines Wesens erblickte er in der strengen Wissenschaftlichkeit des klassischen Philologen und in seiner Fähigkeit, in den verschiedensten Fragen des Lebens das Dauernde von dem Vergänglichen, das Wesentliche von dem Unwesentlichen scharf zu scheiden. Dieselbe Eigenart spreche aus der peinlich treuen Pflichterfüllung, die es ängstlich vermieden habe, auch nur den Anschein zu erwecken, als ob der eignen Person dabei ein besonderes Verdienst zukomme. Diese Selbstlosigkeit und Echtheit der Gesinnung hätten die Schüler bald herausgefühlt. Ebendeshalb— so führte der Redner weiter aus— war auch das Verhältnis zu dem Kollegium ein fast freundschaftliches. Je mehr die Person des Direktors zurücktrat, desto mehr wirkte seine Persönlichkeit. Die Worte klangen aus in den Wunsch, daß die Eigenart dieses ersten Direktors des Lessing-Gymnasiums ein Erbteil werden möge für die künftigen Zeiten.— Darauf trat der Oberprimaner Hufnagel als Vertreter der Schüler vor und sagte in schlichten, von Herzen kommenden Worten Dank für alle die Liebe und Fürsorge, die ihnen der scheidende Direktor bewiesen habe. Als äußeres Zeichen ihrer Anhänglichkeit übergab er ihm die Bronzestatue„Der betende Knabe“. Nach ihm ergriff namens der städtischen Behörden Herr Stadtrat Grimm das Wort. Er rühmte die sorgsame und erfolgreiche Führung des verantwortungsvollen Amtes, so daß die Schule nicht bloß ihr altes Ansehen behauptet, sondern auch vermehrt habe. In der Erwiderung auf diese Ansprachen hob Herr Direktor Baier zunächst hervor, daß ihm der Abschied von Frankfurt, seiner zweiten Heimat, wo er mehr als 20 Jahre gewirkt habe, sehr schwer falle. Am schmerz- lichsten aber empfinde er es, auf den regelmäßigen Verkehr mit einer liebenswürdigen, begabten und strebsamen Jugend verzichten zu müssen. Darauf dankte er den städtischen Behörden, im besondern dem Vorsitzenden des Kuratoriums, und nicht minder den Eltern der Schüler für das Vertrauen und die Unterstützung, die er jederzeit bei ihnen gefunden habe. Zu herzlichstem Dank sei er auch den Herren Kollegen verpflichtet, die ihre ganze Kraft in den Dienst der Schule gestellt hätten. Er knüpfte daran die Bitte, ihm die bisher bewiesene freund- schaftliche Gesinnung auch fürderhin zu bewahren- Schließlich nahm der Herr Direktor Abschied von den Schülern, er dankte ihnen für den schönen Beweis treuer Anhänglichkeit und ermahnte sie, durch ernstes Streben und gewissenhafte Pflichterfüllung auch fernerf der Anstalt Ehre zu machen. Der Gesang„So ziehe hin, Gott sei mit Dir“ beschloß die auf den Ton des Gemeinschaftsgefühles und des Vertrauens gestimmte eindrucksvolle und erhebende Feier.
Am 30. Dezember 1904 brachten ehemalige und jetzige Schüler dem Scheidenden einen trotz Sturm und Wetter sehr gelungenen, glänzenden Fackelzug. An diesen schloß sich ein Kommers, an dem manches gute und herzerquickende Wort davon Zeugnis ablegte, wie lebhaft und allseitig das Bedauern darüber war, daß der Gefeierte Frankfurt verlasse.]
Möge Herrn Provinzial-Schulrat Baier in seinem größeren Wirkungskreise dieselbe Liebe und Ver- ehrung zu teil werden, die er sich in seiner bisherigen amtlichen Stellung bei allen, die ihm näher getreten sind, in so reichem Maße erworben hat!
Die Stellvertretung für das letzte Quartal fübernahm der Unterzeichnete. Die Unterrichtsstunden des Herrn Direktors erteilte der wissenschaftliche Hilfslehrer Herr Mendius, ebenso wie die 6 Stunden, um die der Unterzeichnete entlastet wurde. Leider-wird uns Herr Mendius, der bis dahin an dem Großherzoglichen Gym- nasium in Heidelberg beschäftigt war, bereits. Ostern wieder verlassen, da er zum Oberlehrer an dem Gymnasium in Hagen gewählt ist. Die Anstalt schuldetedem gewissenhaften Lehrer, der sich insdie schwierigen Aufgaben rasch und sicher hineinfand, für die?erfolgreichen Dienste vielen Dank.2
Durch den Tod verloren wir ſam 22. September 1904 leinen braven und hoffnungsvollen Schüler, den
Sextaner Franz Linz, der einer Blinddarmentzündung erlag. An dem Schmerze der Eltern nahmen Lehrer und Schüler innigen Anteil. Der Direktor und, der Ordinarius gaben dem allzufrüh Entschlafenen das letzte Geleit-
Abgesehen von-diesem Todesfall waren die Gesundheitsverhältnisse bei Lehrern und Schülern im ganzen
günstige. Doch mußte Herr Zeichenlehrer Caster vom 10. bis 28. Januar 1905 wegen Influenza der Schule- fernbleiben.


