Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
Einzelbild herunterladen

31

Es würe eine gänzliche Verkennung des Thatbestands, wenn man behaupten wollte, Walther habe die Kirche selbst oder gar die christliche Religion bekümpft. Nicht mit Unrecht hat man ihn mit unserm grossen Reformator verglichen. Xhnlich ist bei beiden der rückhaltlose Kampf gegen die Schäden der Kirche und gegen die Einmischung des Auslands in die vaterländischen Angelegenheiten. Der qurchgreifende Unterschied zwischen beiden aber besteht darin, dass Walther sich keines Wider- spruchs mit der Lehre der römischen Kirche bewusst ist und vorzugsweise durch die politische Lage Deutschlands zum Kampf gegen Rom geführt wurde, während Tuther. durch ganz andere Gewissens- erfahrungen gedrängt, den Gluuben zur ursprünglichen Reinheit des Evangeliums zurick- züiltern urttFenaie Die Thätigkeit Luthers war positiv aufbauend, die Walthers im Vergleich hiermit nur negativ abwehrend. Wenn man aber die hervorragendsten Vertreter der Opposftion 3 gegen die päpstliche Hierarchie zu den Vorläufern der Reformation zählt, so gebührt auch Walther ein ehrenvoller Platz unter ihnen, um so mehr, als er nicht im Dienste eines einseitigen theo- logischen oder philosophischen Lehrsystems stand, sondern in seinem freimütigen Auftreten die im Volk wurzelnde ungelehrte Opposition wiederspiegelt.

Erlebt hat es Walther nicht, dass das Ideal der deutschen Kaiserherrlichkeit, für welches er glühte, sich verwirklichte. Das edle Geschlecht der Hohenstaufen, welches dieses Ideal am leben- Iegsten erfasst hatte, rieb sich auf im Kampf mit widerstrebenden, im Ausland wurzelnden Gewalten, und Deutschland ward dem ersehnten Ziel wieder ferner gerückt als je. Nach der trostlosen Zeit des Interregnums konnte das gesunkene Ansehen von Kaiser und Reich sich nicht einmall wieder zu der früheren Bedeutung erheben, und in den verwickelten Gängen der deutschen Geschichte der folgenden Jahrhunderte ging mehr und mehr die Macht des Hauptes auf die Glieder über, deren jedes seine eignen Wege suchte. Aber die Sehnsucht nach der geschwundenen Kaiserherrlichkeit. die Hoffnung auf Erneuerung des deutschen Reichs ist auch in den trübsten Zeiten äusserer Er- niedrigung und innerer Zerklüftung nie erstorben, sie hat sich verkörpert in der Sage von dem im Kiffhäuser schlafenden Barbarossa, sie hat die Besten der Nation immer wieder mit ihren Idealen erfüllt, und Dichter und Sänger haben nicht aufgehört im prophetischen Geiste das von der Zukunft zu hoffen, was ihre Gegenwart ihnen versagte. Wir haben erlebt, was so viele vor uns vergeblich gehofft haben; das Ideal, für welches Millionen von deutschen Herzen schlugen, der Traum, dem die deutsche Jugend einst in schwärmerischer Begeisterung nachjagte, ist zur Wirklichkeit geworden, und die alte Sage vom schlafenden Barbarossa ist in Erfüllung gegangen: das deutsche Kaisertum ist in verjüngter Kraft und Herrlichkeit erstanden und wir besitzen, mit der Mehrzahl der deutschen

Stämme geeint, wieder ein grosses und angesehenes deutsches Vaterland. Und das Scepter des neuen

Reichs hat die Vorsehung dem Herrschergeschlechte anvertraut, auf welches schon lange die hoffen-

den Blicke der Deutschen gerichtet waren, einem Herrschergeschlechte, in welchem der Grundsat⸗z

gilt, dass der Ruhm des ürsten in der Ehre und dem Glück seines Volkes besteht und dass der Herrscher vor seinen Unterthanen fast nichts voraus hat als ein grösseres Mass von Verantwortung: von Arbeiten und Pflichten. Die deutsche Kaiserkrone, deren einst so heller Schein im Lauf der

Jahrhunderte immer mehr verblichen und zuletzt ganz verschwunden war, strahlt seit jenem denk-

würdigen 18. Januar 1871 in neuem Glanze auf dem ehrwürdigen Haupte unseres erhabenen Monarchen. Dass die Erneuerung der deutschen Kaiserwürde gerade in jenem stolzen Königsschlosse

zu Versailles erfolgte, mit welchem die Erinnerung an die Zeiten der tiefsten Schmach und LZer-

rissenheit Deutschlands verkntipft ist, ist ein Ereignis, welches einzig gross in der Geschichte da-

steht, ein redendes Zeugnis von dem Walten einer höheren Gerechtigkeit. Die Vergleichung der