Urteil; man denke nur daran, dass die Aufzählung der Hauptstücke aus dem Leben und Leiden des Erlösers hier cbensowenig als der religiöse Inhalt anderer Gedichte auf poetische Fiktion zurück- zuführen ist; nie steht Walther diesen Dingen kalt gegenüber, nirgends dürfen wir plosse poetische Wendungen voraussetzen, sondern immer können wir die wahrhafte und warme Gesinnung seines Herzens aus seinen Worten herausfühlen. Und dass die Auffassung der Kreuzlieder in diesem Sinne berechtigt und ein günstigerer Eindruck derselben auf den Leser recht wohl möglich ist, zeigt das oben angeführte Urteil Uhlands. Wir schliessen uns ihm an und sehen mit Simrock, Rieger, Wacker- nagel in der ersten Strophe ¹) des zweiten Kreuzliedes ein Selbstzeugnis Walthers von seiner Anwesen- heit in Palästina.
Die erwähnten Lieder sind die letzten, die wir kennen. In ihnen hatte er sich von der Erde losgesagt, mit ihnen entschwindet er unsern Blicken. Wohl bald ist ihm der Wunsch die himmlische Krone zu tragen gewährt worden. Wir haben nur die Nachricht, dass er im Kreuzgange des Neuen- münsters zu Würzburg begraben ist und dass eine liebliche Sage, die wohl der Name des Dichters veranlasst hat, sein Grab umschwebte. ²)„Er habe in seinem Testamente verordnet,— so heisst es,— dass man auf seinem Grabsteine den Vögeln Weizenkörner und Trinken gebe, und er habe in diesen Stein vier Löcher machen lassen zum täglichen Füttern der Vögel.“ Heute erinnert an ihn nur noch eine an der Aussenseite des Chors Angeltachte Denkplatte. 3)
Blicken wir auf das reiche Leben 465 Dichters zurfck, so sehen wir, dass rhrbn der fast 40 Jahre umfassenden Zeit seines Singens und Sagens verschiedene Seiten seines Gesanges hervor- traten. Zuerst übte er seine Kunst im Minnegesang, allein seitdem er an den Angelegenheiten des Vaterlands teilzunehmen begann und grössere Interessen sein Herz erfüllten, trat derselbe mehr und mehr zurück und verstummte zuletzt gunz. Auf den Frauendienst folgte der Herrendienst, aus dem Minnesänger ward ein Vaterlandsdichter, der sich in den Dienst des Kaisers stellte, um dessen Rechte mit geistigen Waffen zu verteidigen, und so das Wort zur Wahrheit machte:„Es soll der Sänger mit dem König gehen.“ Sein frommer, religiöser Sinn aber, welchen er auch im heftigsten Kampf gegen die römische Hierärchie nie verleugnete, tritt am schönsten hervor gegen Ende seines Lebens seine Blicke richten sich mehr von der Eede weg dem Himmel zu, sein Gon wird mehr und mehr ein Gottesdienst. Was dem Dichter so höhe Bedeutung für alle Zeiten giebt und ihn allen Deutschen besonders teuer macht, ist seine ächte vaterländische Gesinnung und seine aufrichtige, tiefe Frömmigkeit. Für die höchsten Güter, für Religion und Vaterland, hat er gelebt und ge- kämpft. Und wenn er in diesem Kampfe auch scharfe Waffen geführt hat, es waren die edelsten Beweggründe, die ihn in den Kampf trieben. Die Macht und Herrlichkeit des deutschen Reichs. die Unabhängigkeit der deutschen Kaiserkrone war das Ideal, das ihn erfüllte. Die angemasste Be- vormundung des deutschen Kaisers durch eine ausländische Macht, qurch eine undeutsche Hierarchie musste seinen deutschen Sinn ebensosehr verletzen, wie die schreienden Missbräuche und Ubelstände der Kirche sein frommes Gemüt mit tiefem Schmerz erfüllten. Er bekämpfte, gerade weil er ein treuer Anhänger der Kirche war, die Missbräuche der Kirche und die Unheiligkeit ihrer Vertreter.
1) Nü alrést leb' ich mir werde, sit min sündic ouge siht lant daz héere und ouch die erde, dem man vil der éren giht. mir'st geschehen, des ich ie bat: ich bin komen an die stat, da got menneschlichen trat.
2) Siehe Uhland S. 153 f. 3) Lucae S. 36.


