Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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Voller Entrüstung über die Erneuerung des Bürgerkriegs giesst Walther seinen Zorn über den Ur- heber dieses neuen Elends aus. Mit beissendem Spott lässt er den Papst seine Gedanken selbst aus- sprechen.Er zeichnet ihn, wie er recht christlich sich ins Fäustchen lacht ¹) und seinen Welschen sagt(Pf. 115. Si, 47. Wi. 83,21):Seht, so hab ich's gemacht, zwei Alemannen hab' ich unter einen Hut gebracht. Nun müssen sie das Reich zerstören und belasten. Unterdessen füllen wir die Kasten. Der Papst hatte nämlich in den Kirchen Deutschlands einen Opferstock aufstellen lassen, um darin fromme Gaben zur Beisteuer für den Kreuzzug zu sammeln. Walther sah hierin nur eine List der römischen Habsucht, dieser Wurzel so vieler Ubel. ²) Daher lässt er den Papst fortfahren: Zinspflichtig sind sie meinem Stock und all ihr Gut ist mein, ihr deutsches Silber fährt in meinen welschen Schrein. Ihr Pfaffen, esset Hühner, trinket Wein, und lasset die betrognen Deutschen fasten!. Und noch nachdrücklicher redet der Dichter den Opferstock selbst ironisch an(Pf. 116. Si. 48. Wi. 83,31): Sagt an, Herr Stock, hat euch der Papst hierher gesendet, Damit ihr ihn bereichert und uns arme Deutsche pfändet? Wenn ihm die Hüll' und Fülle fliesst zum Lateran, So übt er eine arge List, wie er schon oft gethan. Er sagt uns wieder, wie das Reich verworren stände, Bis neuen Zins ihm jede Pfarre sende. Des Silbers, fürcht' ich, kommt nicht viel zur Hülf' in Gottes Land, Grossen Schatz verteilt nicht gern der Pfaffen Hand. Herr Stock, er ist zum Schaden hergesandt, Ob er in deutschen Landen Thörinnen und Narren fände.

Noch kühner, noch heftiger wird das Wort des freimütigen Sängers, indem er den Papst einen zweiten Judas nennt, welcher den anderen mit bösem Beispiel vorangeht und sie zu Habsucht, zu Lug und Trug verleitet(Pf. 112. Si. 46. Wi. 83,51):

Wir klagen all' und wissen doch nicht, was uns irret, Seit uns der heil'ge Vater also hat verwirret. Mit väterlichem Beispiel geht er uns voran, Wir folgen ihm und weichen keinen Schritt von seiner Bahn. Nun merke, Welt, was mir daran nicht wohlgefalle: Geizet er, sie geizen mit ihm alle, Lüget er, sie lügen alle mit ihm seinen Lug, Und trüget er, sie trügen mit ihm seinen Trug. ³) Dies Wort verübelt niemand mir mit Fug. So kommt der neue Judas gleich dem alten dort zu Falle.

¹) Lucae, Leben und Dichten Walthers v. d. V. Halle 1867. S. 32.

²) Freidk. S. 148,4. Alles schatzes vlüzze gänt ze Rôme, daz die bestänt unt doch niemer wirdet vol, deist ein unsæligez hol. 152,16. Daz netze quam ze Rôme nie, mit dem sant Peter vische vie. daz netze ist nu versmähet: rœmesch netze vähet silber golt bürge unde lant; daz was sant Peter unrekant. 153,11. Er(rœmesch hof) enruochet wer diu schaf beschirt, daz eht im diu wolle wirt.

3) Freidk. S. 153,6. Ze Rôme ist alles rehtes kraft unt alles valsches meisterschaft.