Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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kaiserlichen Machtvollkommenheit, die uns zugleich ein Zeugnis ist, dass die Kaiseridee nicht nur von den Kaisern vertreten wurde, sondern auch in der Anschauung des Volkes wurzelte, waren die Ansprüche der Hierarchie unvereinbar. Sah doch Innocenz in sich selbst den Stellvertreter Gottes auf Erden, dem alle Könige und Kaiser untergeordnet seien.Gleichwie der Mond, der nach Grösse und Beschaffenheit, nach Stellung und Kraft der geringere ist, von der Sonne sein Licht erhält, so erhält auch die königliche Gewalt den Glanz ihres Amtes von der päpstlichen Hoheit. ¹) In diesem Vergleich hatte der Papst seine ganzen Ansprüche dem Kaisertum gegenüber zusammen- gefasst. In einer Reihe geharnischter Sprüche tritt nun Walther für das gute Recht des Kaisers ein und wendet sich furchtlos gegen die Anmassungen und Ubergriffe Roms, gegen das falsche Spiel, welches Innocenz mit geschworenen Eiden, mit Bann und Weihe trieb, durch welches die Würde und das Ansehen der Kirche untergraben werden musste. ²)Herr Papst, sagt er(Pf. 131. Si. 35. Wi. 80, 37), indem er die ganze Schärfe seiner Polemik gegen Innocenz richtet,Herr Papst, ich gehorche eurem Gebot, wenn ich dem Kaiser unterthan bin, denn ihr selbst habt ja dem Kaiser Gottes Segen gegeben, ihr selbst habt ja der Christenheit geboten ihm zu dienen. Der Fluch aber fällt auf euer eignes Haupt zurück, denn ihr habt ja gesagt: Wer den Kaiser segnet, der sei gesegnet, wer ihm flucht, der sei verflucht. Bedenkt um Gottes willen, ob die Ehre des geistlichen Standes dabei zu bestehen vermag. Indem er dann(Pf. 132. Si. 36. Wi. 80, 49) diese Doppel- züngigkeit der päpstlichen Partei höhnend vorhält, fordert er sie mit feiner Ironie auf anzugeben, welcher Ausspruch nun eigentlich gelten solle und welcher gelogen sei, der alte, der den Kaiser zum höchsten Richter der Christenheit eingesetzt habe, oder der neue, der ihn mit dem Bann belege: Gott giebt zum König, wen er will. Das glaub' ich gern und schweige still; Uns Laien wundert nur der Pfaffen Lehre: Was sie vor kurzem uns gelehrt, Wird nun ins Widerspiel verkehrt. Nun thut's um Gott und eure eigne Ehre Und sagt, bei eurer Treue, Mit welchem Wort ihr uns betrogt; Beweiset uns das eine recht von Grunde, Das alte oder neue. Gewiss ist dass ihr eines logt. Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde.

Und sehr wohl weiss Walther, wo die stärksten Waffen zur Abwehr der Ubergriffe der Hierarchie in das Gebiet der weltlichen Macht zu finden sind; er greift auf das bekannte Schriftwort zurück: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist(Pf. 133. Si. 37. Wi. 80,61).

Als nun Innocenz, um dem über Otto verhängten Bann Nachdruck zu geben, den jungen Staufen Friedrich II., den Erben von Neapel und Sicilien, wieder hervorholte und als Kaiser aufstellen liess, als auch viele Deutsche diesem sich anschlossen, da entbrannte der Bürgerkrieg von neuem. Nun erschien Otto als der Vertreter der nationalen Sache, während Friedrich als Pfaffenkaiser dastand.

¹) Abel, König Philipp der Hohenstaufe. S. 100. 2) Freidk. S. 152,8. Der baäbest sol ze rehte wegen beide fluochen unde segen.