Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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häünger allmählich auf seine Seite übertraten Selbst Innocenz III., der sich in seiner Politik klug nach dem Erfolg zu richten wusste, musste anerkennen, dass die Sache des Welfen eine verlorene sei: er nahm i. J. 1207 den Bann von Philipps Haupte. So war der Sieg des Hohenstaufen ent- schieden und dem deutschen Lande war beinahe schon der Friede wiedergegeben, da machte plötz- lich eine verbrecherische That alles, was gewonnen war, wieder zu nichte; das Reich ward am 21. Juni 1208 seines nummehrigen Oberhauptes durch die Mörderhand des Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach beraubt. Dass Walther dieses betrübende Ereignis in seinem Gesange beklagt hat, dürfen wir als gewiss annehmen, obgleich uns kein Gedicht, welches hierauf Bezug nähme, erhalten ist. Auch der Tod der zarten Irene, die schon zwei Monate nach der Ermordung ihres Gatten ins Grab sank, ist in den erhaltenen Gedichten Walthers nicht berührt.

Innocenz aber konnte nun nach Philipps Tode seine Welfische Politik wieder aufnehmen. Obwohl er die verbrecherische That so verabscheute, wie sie es verdiente, so sah er doch in dem Umstand, dass sie hatte geschehen dürfen, ein Gottesurteil und verlangte von den Fürsten, dass sie diese Entscheidung Gottes über den Thronstreit achten und sich einmütig um Otto scharen sollten.!) Und da dieser doch jetzt thatsächlich der einzige gewählte und gekrönte König war, so liess sich auch die Hohenstaufische Partei um so leichter bewegen den Widerstand gegen ihn aufzugeben, als durch die Verlobung ²) Ottos mit Beatrix, der Tochter Philipps, eine dauernde Ver- söhnung der deiden feindlichen Parteien verbürgt zu werden schien; und wenn auch die Verwirrung im Reich zuerst nach Philipps Tod noch zugenommen hatte, so war doch bis zu Ende des Jahrs Otto ziemlich allgemein anerkannt und im folgenden Jahr(1209) empfing er zu Rom aus den Händen des Papstes die Kaiserkrone. Als er aber trotz seines wiederholten Versprechens, dem römischen Stuhl alle Rechte zu bewahren, bald nach der Krönung anfing die kaiserlichen Rechte geltend zu machen und seine Verpflichtungen gegen das Reich höher zu stellen als die dem Papst gemachten Zusagen, da ward auch er von dem Bannstrahl getroffen, der schon fast zu einem Kenn- zeichen eines nationalen Kaisers geworden war. Nun musste auch Walther in Otto den recht- mässigen deutschen Kaiser sehen und für deutsches Recht, für die Idee des deutschen Kaisertums erhebt er seine Stimme, wenn er für Ottos Recht gegen Rom in die Schranken tritt.

Als Otto im Frühling d. J. 1212 aus Italien nach Deutschland zurückkehrte, begrüsste ihn Walther in drei Sprüchen(Pf. 134. 135. 136. Si. 34. 38. 39) als den Träger der Kaiserkrone, der die Macht hat zu belohnen und zu bestrafen, als den obersten Richter der Christenheit, als den Stellvertreter Gottes auf Erden, ³) der berufen ist die Herrschaft des Kreuzes auch den Heiden gegenüber zur Geltung zu bringen. Indem er ihm damit die Sache des heiligen Landes ans Herz legt, ermahnt er ihn zugleich vorher den inneren Frieden Deutschlands zu befestigen und die ganze Christenheit zu versöhnen; nichts könne seiner kaiserlichen Macht widerstehen, denn er besitze so fügt der Dichter mit Anspielung auf das kaiserliche und braunschweigische Wappen Ottos hinzu zwiefache Stärke, des Adlers Tugend) und des Löwen Kraft. Mit dieser Auffassung von der

¹) Winkelmann, Kaiser Otto IV. Lpz. 1878. S. 109.

²) Die Vermählung fand erst nach Ottos Rückkehr aus Italien 1212 statt, Beatrix starb aber schon wenige Wochen nachher.

3) Pf. 135,3. Ir habt die erde, er(Gott) hât das himelriche..

4) Unter der Tugend des Adlers ist an die Milde(Freigebigkeit) zu denken; nach der Sage verzehrt der Adler seinen Raub nicht ganz, sondern lässt einen Teil davon den kleineren Vögeln übrig.