Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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schlossenheit auftrat, dass er die Macht der römischen Kirche zur höchsten Entwickelung führte, Innocenz III. Indem derselbe die Ansprüche Gregors VII. aufnahm, kamen seinem klugen und be- rechnenden Geiste die Umstände so zu statten, dass er seine Absichten, UÜberordnung der päpst- lichen Gewalt über alle weltliche, vielen Ländern gegenüber zum grossen Teil zur Verwirklichung brachte. Obwohl er selbst Vormund des jungen Friedrich, des bereits zum König gewählten zwei- jährigen Sohnes Heinrichs VII. war, sah er es doch gern, dass von dessen Rechten jetzt keine Rede war, denn die Aussicht drohte, dass Rom im Norden und Süden von der Herrschaft eines Hohen- staufen eingeengt würde. Wie gelegen kam es ihm jetzt, dass die Macht des deutschen Reichs, die sich unter Barbarossa und Heinrich so drohend entwickelt hatte, nun im inneren Kampfe verfiel und dass die zwiespältige Kaiserwahl ihm Aussicht bot, hier das Schiedsrichteramt zur Geltung zu bringen! Wohl hätte er, wenn er von Anfang an sich für Philipp entschieden hätte, Deutschland diesen Bürgerkrieg ersparen können, der es von der Höhe seines Glanzes herabstürzte; allein das war gegen sein Interesse. Staatsklug, wie er war, hielt er mit seiner Entscheidung zurück, sodass man nicht wusste, wer sich seiner Gunst zu erfreuen habe; erst als er von Otto die Zusage des un- bedingten Gehorsams erhalten hatte, entschied er sich für diesen und belegte i. J. 1201 Philipp mit dem Banne. Mit freimütigem Wort tritt Walther jetzt der römischen Treulosigkeit entgegen(Pf. 81, III.

Si. 1, 25. Wi. 49, 49):

Zu Rom hört ich lügen,

Zwei Könige betrügen;

Das gab den allergrössten Streit,

Der jemals ward in dieser Zeit.

Da sah man sich entzweien

Die Pfaffen und die Laien.

Die Not war über alle Not,

Da lagen Leib und Seele tot.

Die Pfaffen wurden Krieger;

Die Laien plieben Sieger;

Das Schwert sie legten aus der Hand

Und griffen zu der Stola Band.

Sie bannten, wen sie wollten,

Und den nicht, den sie sollten.

Zerstört ward manches Gotteshaus. ¹)

Ich hörte fern in einer Klaus;

Ein Jammern ohne Ende;

Ein Klausner ²) rang die Hände,

Er klagte Gott sein bittres Leid:

O weh, der Papst ist allzujung, Herr Gott, hilf deiner Christenheit!

¹) Über die Verheerungen dieses Bürgerkriegs vgl. Abel, König Philipp, der Hohenstaufe. Berlin 1852. In Thüringen allein wurden i. J. 1203 durch die Böhmen 16 Klöster und 350 Pfarrkirchen zerstört.(S. 168.)

2) Dieser Klausner, der noch an zwei anderen Stellen(Pf. 114. 165.) vorkommt, bedeutet nach Uhland(S. 23.) die vormalige strenge Frömmigkeit im Gegensatz zu der nunmehrigen Ausartung des geistlichen Standes. Die Deutung auf eine historische Persönlichkeit ist sehr unsicher.