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Wie uns die Schrift mit Wahrheit kann bescheiden. Die Sonne hat den Schein verkehret, ¹)
Untreu den Samen ausgeleeret
Uberall in Feld und Hain.
Der Vater bei dem Kind Untreue findet,
Der Bruder seinem Bruder lüget,
Die Geistlichkeit in Kutten trüget,
Statt Gott der Menschen Herz zu weih'n.
Gewalt siegt ob, des Rechtes Ansehn schwindet.
Wohlauf, hier frommt nicht müssig sein!
Die Quelle dieser Auflösung erkennt Walther in dem Fehlen eines einigen Hauptes und in der Politik des römischen Stuhles. Strafend weist er darauf hin, dass selbst in dem Leben der Natur da, wo Kampf und Streit ist, auch Eintracht und Ordnung herrsche und viele Geschöpfe einem Oberhaupt gehorchen. Wehe ruft er über Deutschland, dass es herrenlos und ohne festes Recht dastehe. Wer der rechte Herr sein sollte, darüber konnte er nicht in Zweifel sein: auf der einen Seite ein Pfaffenkönig, welcher von der Partei der Welfen aufgestellt war, der im Ausland und in fremder Sitte erwachsene, unliebsame und rohe Otto IV., auf der andern der milde und leutselige Philipp, ein Hohenstaufe, eines Kaisers Bruder und eines Kaisers Kind(Pf. 70, 4), der schon im seiner edlen äusseren Erscheinung Heinrich VI. nicht unähnlich und dazu auch, worauf man grosses. Gewicht legte, im Besitz der Reichsinsignien²) war. Nur hier konnte Walther das Recht sehen, nur hier das Heil. Darum ermahnte er die deutschen Fürsten Philipp die Krone aufzusetzen. Und. als die Krönung im September d. J. 1198 zu Mainz stattfand, erhob der Dichter, der wohl selbst zugegen war, sein Lied(Pf. 97. Si. 20) zum Preis des jungen süssen Mannes, dessen Haupt mit der Krone geschmückt war, in welcher der kostbare, sagenberühmte Edelstein²) nun als der Leitstern aller Fürsten in neuem Glanze strahlte.
Nach Jahresfrist hatte Philipp so weit Anerkennung gefunden, dass er während einer Pause des Kriegs in Magdeburg das Weihnachtsfest feiern konnte. Walther war auch hier anwesend und verherrlichte die Feier mit seinem Gesang(Pf. 100. Si. 19).„In einem farbenhellen Gemälde, den altdeutschen auf Goldgrund ähnlich,“(Uhland S. 30) zeichnet er den nach dem Dom sich bewegen- den festlichen Aufzng; an der Spitze des aus dem thüringischen und sächsischen Adel bestehenden Gefolges schreitet der König Philipp mit Scepter und Krone, ihm folgt seine schöne und milde Ge- mahlin Irene, die Rose ohne Dorn, die Taube ohne Galle. Dieselbe, eine Tochter des unglücklichen Kaisers Isaak Angelus in Konstantinopel, führte seit ihrem Uvertritt zur römisch-katholischen Kirche den Namen Maria; mit Anspielung hierauf überträgt der Dichter die sonst der heiligen Jungfrau- zukommenden ehrenden Beinamen auf sie.
Von grösster Bedeutung war es für Philipp und Otto, für welchen von beiden sich das kirch- liche Oberhaupt entscheiden würde. Auf dem Stuhle Petri sass seit dem Tode Heinrichs VI. ein Papst, der trotz seiner Jugend— er war erst 37 Jahre alt— mit solcher Thatkraft und Ent-
1) Vgl. Marc. 13,24. Offenb. 6,12 ²) Otto IV. ward im Juli 1198 zu Aachen mit falschen Reichsinsignien gekrönt.
3) Nach der Sage hatte Herzog Ernst diesen Edelstein von seinen Irrfahrten im Orient aus dem hohlen Pexg. mitgebracht. Er wurde der Waise genannt,„weil ihm an Grösse und Wert kein andrer gleichkam“.


